Laßt uns ruhig bleiben. Glücklicherweise leben wir in einer Welt, in der es Meinungsfreiheit gibt, und das ist für mich persönlich und in der Philosophie von rheuma-online einer der höchsten Werte.
Zur Meinungsfreiheit und Toleranz gehört es allerdings auch, daß sie dort endet, wo sie andere in ihrer Persönlichkeit verletzt. Daran sollten wir alle uns immer wieder aufs Neue erinnern und unsere Postings sehr sorgfältig darauf abklopfen, ob wir anderen gegenüber so fair sind, wie wir es von Ihnen uns gegenüber erwarten.
Soviel zum Grundsätzlichen.
Zum Konkreten:
rheuma-online wird Fehlinformation unterstellt, weil wir in unserem Forum Werbung strikt unterbinden. Jeder, der die Methoden kennt, wie in der Vergangenheit und heute versucht wird, das Rheuma-Forum als Marketing-Instrument zu missbrauchen, kann sich zu dieser Thematik seine eigene Meinung machen.
Wer sich zum „alternativen“ Rheumaforum eine Meinung machen möchte, soll es einfach einmal besuchen. Der erste Gruß ist bereits ein Popup mit irgendeiner Werbung, und auch sonst findet man dort eine Reihe von sicherlich wertvollen Links (die Doppeldeutigkeit dieses Ausdrucks ist beabsichtigt).
Ich stehe ausdrücklich dazu, daß wir solche Beiträge wie zu Vektor-Lycopin, den wir gelöscht haben, auch weiterhin im Forum nicht zulassen werden. Ansonsten sind wir hinsichtlich des Forums, was auch alle User wissen, extrem liberal. Im Gegensatz zum „alternativen“ Forum, in dem
„Neue User () von mir manuell freigeschaltet und sofort wieder gesperrt (werden), falls ich etwas finde, was hier nicht her gehört.“ (Originalzitat),
findet eine solche Zensur und eine handverlesene Auswahl von zugelassenen Forumsteilnehmern bei rheuma-online nicht statt.
Eine andere angebliche „Fehlinformation“ ist der Bericht über eine wissenschaftliche Studie, die zu dem Ergebnis kommt, daß eine rheumatoide Arthritis nicht durch psychischen Stress verursacht bzw. ausgelöst wird.
Dazu einige Bemerkungen.
Erstens: Wenn es sich überhaupt um eine Fehlinformation handeln würde, träfe dieser Vorwurf ja nicht die Redaktion von rheuma-online, die schlicht ihre Arbeit gemacht hat und eine wissenschaftliche, in Englisch abgefasste Untersuchung übersetzt und für die rheuma-online-User in einer deutschen Zusammenfassung dargestellt hat. Um eine Fehlinformation würde es sich handeln, wenn wir die Studie falsch wiedergegeben, d.h. nicht korrekt übersetzt hätten. Das ist aber nicht der Fall und auch nicht der Vorwurf. Der Vorwurf richtet sich gegen das Ergebnis dieser wissenschaftlichen Untersuchung, für das rheuma-online aber nicht verantwortlich ist.
Zweitens: Unabhängig davon stehe ich für die Information, die durch diese Studie vermittelt wird, auch inhaltlich ein.
Wir haben vor vielen Jahren, als ich noch in der Abteilung Rheumatologie der Medizinischen Hochschule Hannover tätig war, eine Doktorarbeit zu genau dieser Thematik durchgeführt (betreut wurde dieser Doktorand von Prof. Dr. Dr. Hans-Heiner Raspe, der nicht nur ein Rheumatologe, sondern auch noch ein Soziologe und ein Sozialmediziner ist und mit Sicherheit einen sehr offenen Blick für die psychosozialen Zusammenhänge bei der Ursache und Auslösung chronischer Erkrankungen hat). Diese Arbeit kam seinerzeit zu dem identischen Ergebnis, daß nämlich eine rheumatoide Arthritis nicht durch psychische Faktoren, genauer „life events“ = lebensverändernde Ereignisse verursacht oder ausgelöst wird.
Drittens und extrem wichtig: Wir reden an dieser Stelle über die Ursache einer rheumatischen Arthritis.
Darüber wissen wir heute sehr viel, und wer rheuma-online gerade in den letzten Monaten aufmerksam verfolgt hat, kann dort mitreden. So steht heute mit großer Sicherheit fest, daß es genetische Risikofaktoren für eine rheumatoide Arthritis gibt (insbesondere die sogenannten „shared epitopes“ wie HLA DR4, speziell HLA DRB1*0404 oder 0401) und daß zusätzliche Faktoren (ganz neue Erkenntnis: z.B. auch das Zigarettenrauchen) die Entstehung einer rheumatoiden Arthritis hervorrufen. So ist bei Rauchern das Risiko, an einer rheumatoiden Arthritis zu erkranken, um den Faktor 2 erhöht, bei rauchenden Patienten mit shared epitopes ist das Risiko sogar 16-fach erhöht.
Wir reden bei der Frage der Ursachen einer rheumatoiden Arthritis nicht über Faktoren und Umstände, die bei einer Patientin oder einem Patienten mit einer manifesten, etablierten rheumatoiden Arthritis die Krankheitsaktivität und den Krankheitsverlauf beeinflussen.
Hier stehen psychosoziale Faktoren als Einflußgrößen völlig außer Frage. Wer hierzu ebenfalls rheuma-online sorgfältig verfolgt, findet dazu eine ganze Menge an Informationen. Ein Beispiel ist der Bericht von Elke Gurschke vom Freitag, 27.01.2006 (Depressionen: zusätzlicher Risikofaktor bei RA! Begleitende Depressionen erhöhen das Sterblichkeitsrisiko bei Patienten mit RA.). Gerade in letzter Zeit beschäftigt sich die Wissenschaft intensiv mit den Zusammenhängen zwischen Immunsystem und Psyche, insbesondere auch mit den Zusammenhängen zwischen Streß und seiner Bedeutung für immunologische Erkrankungen.
Wenn wir in den rheuma-news von r-o über eine Studie dänischer Wissenschaftler berichten, wird damit keinesfalls
„ in der offiziellen Information auf R.-O. (d. h. vom Team um Priv Doz Dr med Langer) völlig ignoriert, dass viele Patienten im Forum berichten, dass ein neuer Schub durch Stress ausgelöst wird.“ (Zitat aus dem „alternativen“ Forum).
rheuma-online differenziert nur ein bisschen genauer und unterscheidet, so wie es auch für eine wissenschaftliche und inhaltlich korrekte Auseinandersetzung mit dieser sehr wichtigen und ebenso schwierigen Thematik elementar ist, zwischen der Ursache der Erkrankung und der Ursache bzw. der Auslösung von Krankheitsschüben. Das sind aber zwei ganz unterschiedliche Dinge.
Viertens: Unzweifelhaft ist auch, daß sich mit psychologischen und psychoedukationen Interventionen, z.B. durch Gruppentherapien oder auch durch eine Patientenschulung, der Verlauf einer rheumatoiden Arthritis günstig beeinflussen läßt. Eine Heilung ist durch solche Maßnahmen aber nach allem, was wir heute wissen, nicht möglich.
Echte Remissionen mit einem Stillstand der Erkrankung und einem Stop der im Röntgenbild sichtbaren Gelenkzerstörung sind leider nur durch wirksame Medikamente zu erzielen, wobei ein sicherer Beweis für eine solche Wirksamkeit nur für Substanzen aus der Gruppe der langwirksamen Antirheumatika vorliegt (krankheitsmodifizierende Substanzen, DMARDs = disease modifying antirheumatic drugs).
Wer anderes behauptet, handelt unethisch und versündigt sich am Schicksal von Patienten, denen vieles erspart bleibt, wenn sie nicht auf Quacksalberei hereinfallen und so schnell wie möglich und so kompetent wie möglich mit den richtigen Medikamenten behandelt werden.
Fünftens: Da ich keine einzige Aktie irgendeines Pharmakonzerns besitze und auch sonst keinen finanziellen Profit daraus schlage, wenn ich Patienten mit wirksamen Medikamenten behandele (das Gegenteil ist im übrigen der Fall: Der Kassenarzt ist heute permanent von Regress bedroht, wenn er seinen Patienten wirksame, aber zugleich oft auch teure Medikamente verschreibt), kann man mir es getrost glauben, daß ich meine Patienten am liebsten mit Zitronenbonbons, Waldmeisterextrakt, bei Neumond gewonnenem Schneckenschleim von Nacktschnecken aus der mittleren Westeifel, der durch sieben 32-jährige, barfüßige Jungfrauen nach einem altindischen Rezept aufgekocht wird, und ohne ein einziges „chemisches“ Medikament heilen möchte. Wenn es dazu nötig wäre, würde ich mir dafür sogar eine Glatze rasieren lassen.
Da aber alle „alternativen“ Ansätze bislang bei der Therapie der rheumatoiden Arthritis versagt haben und bei einer Vielzahl von Patienten, die sich allein darauf eingelassen haben, eine grauenhafte Spur der Gelenkverwüstung hinterlassen haben, darf ich meine spärlichen Haare noch behalten.
Schade eigentlich, da ich für das Alternative immer schon ein Faible hatte. Allerdings für das Alternative mit Stil und für Alternativen, die auch echte Alternativen und keine Bauernfängerei sind.