Hallo nochmal,
aus irgendeinem Grund klappt das Anfügen von Dateien zur Zeit nicht - daher kommt hier der Beitrag als Fließtext - ist etwas lang... aber wen es nicht interessiert, der schließt den Thread ja sowieso....
„Wegweiser aus dem Schmerz“
oder: Entlang der eigenen Grenzen zu sich selber finden !
(Ein kurzer Leitfaden von Patienten für Patienten zusammengestellt von anurju)
Ein paar Gedanken vorweg...
Schmerzen besitzen eine Warn- und Schutzfunktion vor Verletzungen oder Überbelastung – sie sind lebensnotwendig und manchmal auch unvermeidbar wie z.B. im Verlauf einer Geburt.
Schmerzerlebnisse können einen Menschen aber auch wie eine Lawine überrollen, sein bisheriges Leben dabei verändern oder sogar auf den Kopf stellen und ihre Schutzfunktion verlieren.
Manchmal schleichen sich Schmerzen heran wie ein Dieb und rauben dem Betroffenen (zunächst vielleicht unbemerkt) Stück für Stück seiner Lebensqualität, Möglichkeiten, liebgewonnenen Hobbies, sozialen Kontakte und nehmen immer mehr Raum im Alltag ein. Plötzlich steht man vor einem völlig veränderten Leben und fragt sich, wie es weiter gehen soll.
Die Gefühlswelt gleicht einer Achterbahn – man schwankt zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Das Umfeld leidet mit, kann aber nicht wirklich helfen...
Besonders schlimm sind Gefühle der Einsamkeit („keiner versteht mich“), der Verlassenheit („ich gehöre nicht mehr dazu“) und des Ausgeliefertseins (z.B. der ärztlichen Hilfe).
Die Abhängigkeit des seelischen Wohlbefindens vom Zustand des eigenen Körpers ist für viele Schmerzkranke eine neue Erfahrung und sehr oft hat man das Gefühl, sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen zu müssen – manchmal hilft zum Glück auch jemand dabei mit...
Als Problemfelder werden von Betroffenen immer wieder genannt:
1.) Was habe ich? – der manchmal steinige Weg zur Diagnose
2.) Von wem und wie kann mir geholfen werden? – die Profis sind gefragt !
3.) Was sollte und muss ich selber für meine Genesung tun?
1.) Was habe ich ? - der manchmal steinige Weg zur Diagnose
Häufig dauert es (zu) lange bis die Ursachen und Therapie für Schmerzen gefunden werden. Wartezeiten werden zur Qual, Untersuchungen sowie die Ungewissheit machen zusätzlich Angst. Man fühlt sich als Objekt und wird manchmal vielleicht nur „als Fall“ behandelt.
Nicht immer fühlt man sich gut aufgehoben und beraten – und so durchlaufen viele Schmerzpatienten einen kurvenreichen Weg (z.T. mit „Ärzte-hopping“) – immer mit der Hoffnung auf eine tragfähige Diagnose, die eine wirkungsvolle Therapie nach sich zieht.
Chronische Schmerzerkrankungen sind im Bewusstsein der Öffentlichkeit und vieler Ärzte noch nicht so präsent wie das zu wünschen wäre. So werden häufig viele, leider teilweise unwirksame oder z.T. sogar vermeintlich ungefährliche, aber in Wirklichkeit durchaus riskante Schmerzmittel (wie z.B. Paracetamol) ausprobiert und wertvolle Zeit verschenkt. Einige Schmerzpatienten erleben, dass ihre Beschwerden nicht ernst genommen und evtl. als „psychosomatisch“ – und damit als angeblich nicht behandelbar eingestuft werden.
Nachweislich beeinflusst die Seele körperliche Prozesse sehr stark. So spürt man Schmerzen viel stärker, wenn die Psyche in Aufruhr ist. Andererseits leiden die Seele und die emotionale Verfassung enorm unter den Schmerzen. Ein Teufelskreis entsteht und man fragt sich: „Wer war zuerst da – der Schmerz oder das Leid?“ Fakt ist: Körper und Seele gehören zusammen und müssen bei der Ursachenabklärung für Schmerzen gleichermaßen berücksichtigt werden.
2. Von wem und wie kann mir geholfen werden? - Die Profis sind gefragt !
Viel hat sich in den letzten Jahrzehnten im Bereich der Schmerztherapie verändert – unermüdlich kämpft z.B. die Deutsche Gesellschaft für Schmerztherapie für eine angemessene Behandlung von Schmerzerkrankten und eine entsprechende Ausbildung bzw. Schulung von Ärzten.
Dennoch kommen nur wenige Patienten zu wirklich fachkundigen Spezialisten, nämlich zu ausgebildeten Schmerztherapeuten (zumeist sind diese Fachärzte für Anästhesie).
Daher stellt sich die Frage:
Was kann man selber tun, um fachkundige Hilfe zu erhalten ?
Ø Fachleute finden kann man z.B. über die Deutsche Gesellschaft für Schmerztherapie:
Adresse: Deutsche Gesellschaft für Schmerztherapie e.V. (DGS)
Adenauerallee 18
61440 Oberursel
Telefon: 0 61 71 - 28 60 0 Telefax: 0 61 71 - 28 60 69
Email: info@dgschmerztherapie.de
Internet: www.dgschmerztherapie.de oder http://www.stk-ev.de /
(Schmerzzentren sind bedienerfreundlich abrufbar – siehe linke Spalte der Webseite)
Ø Genaue Notizen anfertigen, z.B. mit den folgenden Angaben:
Seit wann bestehen die Schmerzen?
In welchen Situationen treten sie auf?
Wie fühlen sich die Schmerzen an? (brennend, reißend, stechend...)
Welche Medikamente wurden bisher eingenommen?
Was tut in Schmerzphasen gut, was verschlimmert die Beschwerden?
Ø Hilfreich kann eine kurze
Übersicht über bisherige Befunde und Medikamente sein.
Ø Notieren Sie sich ebenfalls wichtige
Fragen – man vergisst sonst so leicht etwas...
Ø Vermitteln Sie dem Arzt eindeutig, welche Probleme Sie quälen – „Überspielen“ der Beschwerden und falsch verstandene Tapferkeit können zu Fehldiagnosen führen.
Ø Sprechen Sie Probleme (auch mit der Behandlung) offen an – nur wenn der Arzt informiert ist, kann er helfen !
Bei chronischen Schmerzen ist eine
ganzheitliche Behandlung notwendig. Diese schließt neben der Diagnosestellung und medikamentösen Therapie auch weitere Disziplinen und Behandlungen mit ein.
So ist häufig die Zusammenarbeit mit
Psychologen und
Physiotherapeuten sinnvoll. Schmerzpatienten profitieren immens von einer verhaltenstherapeutischer Betreuung (z.B. Beratung hinsichtlich der Alltagsgestaltung, Erlernen von Entspannungstechniken) sowie von einem individuellen, durch Physiotherapeuten ausgearbeiteten Bewegungsprogramm.
Durch eine solche „
multimodale Schmerztherapie“ kann der Teufelskreis des Schmerzes durchbrochen werden. Dieses Konzept kann in den
regionalen Schmerzzentren (Adressen bei der DGS – siehe oben) durch eine effektive Kooperation der Fachbereiche optimal realisiert werden.
Der erste Schritt auf dem Weg zu weniger Schmerzen ist oft die
angemessene medikamentöse Therapie – evtl. zeitweise auch mit hochwirksamen Schmerzmitteln oder Medikamenten, die ursprünglich für andere Krankheitsbilder entwickelt wurden. Das passende Mittel muss der Schmerzfachmann auswählen. Durch die deutliche Reduktion der Schmerzen erhält der Geplagte eine „Verschnaufpause“, um wieder Kraft für den Weg aus den Schmerzen zu sammeln. Zudem ist es wichtig, der Chronifizierung von Schmerzen auf diesem Weg entgegenzuwirken.
In allen Behandlungsphasen ist eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Patient und Fachleuten unbedingt notwendig, um einen Erfolg zu erzielen. Offenheit und Transparenz sind auf beiden Seiten gefragt und entscheiden nicht unwesentlich über den Behandlungserfolg!
3. Was sollte und muss ich selber für meine Genesung tun?
Fachleute können den Weg aus den Schmerzen bereiten - ihn einschlagen und die Strecke bewältigen kann nur der Patient selber. Für diesen Prozess sind einige Dinge sehr wichtig und dabei bietet sich der Vergleich mit einer Wanderung geradezu an:
a) erreichbare Ziele – vom Tal aus gesehen geht es überall bergauf ...
Oft kann die Zielsetzung nicht sofortige Schmerzfreiheit heißen – realistisch ist zunächst eine Schmerzlinderung. Erreichbare Ziele können z.B. sein: eine Aktivität, die man wieder schaffen möchte; längere schmerzarme Phasen; wieder teilweise arbeitsfähig zu werden; neue Hobbies zu finden (wenn man sich von liebgewonnenen verabschieden musste); besser schlafen können...
b) Verschnaufpausen – Entspannung gibt neue Kraft
Extrem wichtig für die Schmerzbewältigung sind bewusste Entspannungspausen. Es gibt dazu unzählige Möglichkeiten und Techniken wie z.B. Autogenes Training, Progressive Muskelentspannung, Yoga...
Entspannung erreichen viele Menschen auch durch Musik, ein gutes Buch oder durch Bewegung in der Natur. Wichtig ist, dass man diese Auszeiten bewusst in den Tagesablauf einbaut und störungsfrei gestaltet (z.B. feste Termine, Telefon ausschalten).
Gerade für schmerzreiche Phasen kann es sinnvoll sein, eine „Wohlfühlkiste“ mit Dingen vorzubereiten, die einem gut tun (z.B. Lieblings-CD, Gedichtband, besonderer Badezusatz...).
c) Verpflegung – Ernährung als gute Basis
Für eine anstrengende Wanderung benötigt man eine gute Verpflegung – so auch für den Weg mit oder aus den Schmerzen. Schmerzprozesse werden durch eine einseitige Ernährung ungünstig beeinflusst (z.B. durch eine Übersäuerung oder durch eine schlechte Versorgung mit Vitaminen/Mineralstoffen). Zusätzlich beeinflussen Medikamente den Stoffwechsel und Mineralstoffhaushalt des Körpers.
Sprechen Sie mit Ihrem Arzt über Ernährungshinweise oder fragen Sie andere Fachleute (Ernährungsberater, Oecotrophologen).
Ganz wichtig ist eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr von 2-3 Litern pro Tag (ungesüßte Getränke, am besten Wasser), um die inneren Organe vor der Medikamentenwirkung zu schützen und den Stoffwechsel anzuregen.
d) Optimismus – Gute Gedanken bestimmen das Glück des Lebens !
Versuchen Sie – trotz des Leides, das durch Schmerzen verursacht bzw. verstärkt wird – ihren Optimismus zu bewahren. Es gibt Wege aus dieser Krise und der Glaube daran hilft in Durststrecken weiter. Formen der Ablenkung und Bewältigungsstrategien sind individuell unterschiedlich – finden Sie heraus, was Sie wieder aufbaut und gönnen Sie sich diese „Auszeiten“.
Eine tolle Anregung aus dem Schmerzzentrum Bonn Bad-Godesberg von Dr. Küster ist es, ein
Glückstagebuch zu führen. Im Unterschied zum Schmerztagebuch (das durchaus auch sinnvoll sein kann) liegt hier der Focus auf positiven Dingen. Tolle Materialien zum Download wie z.B. einen Kopfschmerzkalender und verschiedene Schmerz-Fragebögen findet man auf der Homepage des Schmerzzentrums:
http://www.praxis-kuester.de/bonn/downloads.htm. Einfach super diese Seite !
Und wer sich für das Thema "Glück" interessiert, kann Ideen und Übungen dazu auf der Seite des Mediziners und Kabarettisten Dr. Eckart von Hirschhausen erproben:
http://www.glueck-kommt-selten-allein.de//index.php).
Oder einfach z.B. bei uns hier im Forum den Thread "Worüber habe ich mich heute besonders gefeut" verfolgen - da fällt einem doch an manchen Tagen trotz Schmerzen eine Kleinigkeit ein...
e) Wegbegleiter - im Team fällt alles leichter...
Die Tragweite von Lebensveränderungen durch Schmerzen können Menschen nur schwer verstehen, die so etwas nicht selber erlebt haben. Dieses Unverständnis isoliert und führt langfristig häufig zu einem Verlust sozialer Kontakte. Die eigene Familie und Freunde leiden mit – daher will man sie nicht belasten. Dennoch sollten Sie Ihr Umfeld offen über Ihre Probleme infor-mieren und im positiven Sinn teilhaben lassen sowie bei Bedarf ohne Scheu Hilfe erbitten.
Suchen Sie den Kontakt zu Menschen, die Ähnliches erlebt haben – ob in Selbsthilfegruppen vor Ort oder im Internet (z.B. Adressen findet man z.B. unter
http://www.selbsthilfenetz.de).
Alle, die das hier im Forum lesen - haben diesen wichtigen Schritt ja schon getan - gut, dass wir hier die Gelegenheit zum Austausch haben - denn er tut gut und erleichtert die Situation ungemein.
Viele Wanderer berichten, sie würden auf ihrem Weg (z.B. bei Pilgerwanderungen) zu sich selber finden. So makaber es klingt – auch Schmerzen können einem Menschen helfen oder ihn zwingen, sich selber, die eigene Geschichte, persönliche Schwächen/Stärken/Wünsche – aber auch die eigenen Grenzen besser kennen zu lernen.
In einer solchen Krisensituation erfährt man im wahrsten Sinne des Wortes „schmerzlich“, was einem gut und was einem schlecht bekommt.
Und manchmal kann die Konsequenz daraus sein, die eigene Rolle in sozialen Systemen zu hinterfragen (z.B. „Wo werde ich ausgenutzt?“). Vielleicht öffnet sich durch die Schmerzen der Weg, „Nein-sagen“ zu lernen und die eigene Position klarer zu vertreten.
Nur wenn man die eigenen Belastungsgrenzen respektiert, kann man langfristig auch für andere Menschen da sein. Überforderung hingegen verschlimmert Schmerzsituationen nachhaltig.
Einige Betroffene erkennen erst in einer Krisensituation, dass die Änderung ihrer Lebensweise notwendig ist. So können Schmerzen zur Korrektur des Lebensstiles führen oder beitragen. Eine vollwertige Ernährung und eine an die Beschwerden angepasste sportliche Betätigung kann und sollte im Rahmen der Schmerztherapie als wohltuend und gesundheitsfördernd erlebt und fortan unverzichtbar werden. Auch die Reduktion belastender Stressfaktoren wird durch die schmerzbedingte Lebensveränderung häufig nötig und wirkt sich langfristig positiv aus.
Schmerzen sind eine Grenzerfahrung, eine enorme Belastungsprobe – aber manchmal auch eine Chance, sich selber und den eigenen Weg zu finden oder neu zu definieren.
Bitte nicht falsch verstehen: ich weiß selber, wie furchtbar es ist, mit Schmerzen leben zu müssen... Das will ich nicht "klein reden" oder Tatsachen verwischen - aber ein möglichst positiver Blick (so oft es eben geht) hilft langfristig vielleicht am besten, aus dieser Situation heraus oder mit ihr klar zu kommen.
Und dafür wünsche ich Ihnen von Herzen viel Kraft, Geduld und Glück sowie eine möglichst schmerzarme Zukunft !
Herzliche Grüße von anurju
