Ich denke, jeder hier hat in gewisser Weise recht. Jeder hat seine eigenen Erfahrungswerte damit.
Nur das Wort Egoismus kann ich nicht nachvollziehen. Sondern je näher man jemandem gestanden hat, desto schmerzvoller empfindet man den Verlust. Es ist, wie wenn einem Baum ein dicker Ast wegbricht oder wenn der Baum z. B. durch einen Blitzschlag in der Mitte gesprengt ist. Da läuft viel Saft, viel Lebensenergie aus.
Es gehört mit zur Selbstliebe, zur Selbstsorge (nicht Egoismus) dazu, Menschen um sich zu haben, die einem gut tun, die man herzlich liebt und die einen auch lieben, man begleitet sich gegenseitig durch schwere Zeiten und wächst damit noch enger zusammen. Und diese Menschen (oder auch Tiere) soll man nun plötzlich loslassen. Das geht nicht.
In bin seit vielen Jahren im Hospizdienst tätig, hab also viel mit sterbenden und trauernden Menschen zu tun. Und ich kenne diesen Schmerz des Verlustes natürlich auch. Auch wenn der Tod zum Leben dazugehört und unabwendbar ist, ist es für die Angehörigen schrecklich, Abschied nehmen zu müssen, aber auch für die Sterbenden, die alles zurücklassen müssen. Nur haben letztere ihre Ruhe, die Trauernden müssen aber mit dem Verlust weiterleben. Und es kann nichts Schlimmeres geben, so heißt es, wenn man zum eigenen Kind ins Grab schauen muss. Der Partner stirbt einem von der Seite weg, das Kind vom Herzen. Sowas überwindet man wohl nie, man lernt höchstens, damit zu leben. Man kann das nicht so einfach loslassen.
In der Trauerbegleitung lernt man, dass jede Art von Trauer individuell ist. Egal, ob sich jemand in die Arbeit stürzt oder sich daheim verkriecht, ob jemand viel weint oder gar nicht weint, alles ist richtig und in Ordnung.
Rituale helfen, leichter Abschied zu nehmen. Floskeln helfen nicht weiter, lieber sagt man gar nichts zu einem Trauernden. Aber es dauert oft Jahre (nicht nur 1 Trauerjahr), um damit zurechtzukommen und sich neu im Leben zu orientieren. Ich glaube dabei aber nicht, dass die Zeit alle Wunden heilt. Manche Wunden heilen nie.
Wie es mir in der Trauer geht: Ich bin Eine, die sich eher zurückzieht, die zwar anfangs weinen kann, später aber nicht mehr so. Meine Energie geht verloren, der Schmerz bohrt in mir, der Geist ist total wirr, so dass ich nicht mehr klar denken kann.
Was mir hilft, ist das Gebet und mein Glaube, dass man die lieben Verstorbenen im Himmel/Jenseits wiedersieht. Und ich denke, dass sie dort, wo sie hingekommen sind, auch für mich beten können, dass sie mich von dort aus unterstützen und mit evtl. auch Botschaften übermitteln können. Oft kann man auch nicht mehr beten, aber man ist trotzdem in der Zuversicht, dass irgendwann alles gut wird. Was mir auch sehr hilfreich ist, sind liebe Menschen, mit denen ich über alles reden kann, die versuchen, mich zu verstehen, die auch mal mit mir schweigen können, wenn der Schmerz es unmöglich macht zu reden.
Als meine Kinder ihre Tiere betrauert haben, habe ich sie ermutigt, sie zu malen. Wir haben dann die Bilder und Fotos aufgehängt und uns oft an die schönen Zeiten erinnert. Genauso ist es mit den lieben verstorbenen Menschen: Man sollte schon Bilder aufstellen, vielleicht nicht in jedem Zimmer, um einen gewissen Abstand zu haben, und man sollte über sie sprechen, auch wenn es weh tut. Schweigen ist viel, viel schlimmer, damit verdrängt man den Schmerz nur, man verarbeitet ihn nicht.
Trotzdem muss man dem Trauernden Zeit für alles lassen, man darf ihn zu nichts zwingen, er muss seinen eigenen Weg gehen, den man nur liebevoll begleiten kann.