Ich habe besonders in den Jahren meiner ambulanten Pflegetätigkeit festgestellt, dass den älteren Menschen, die allein leben, die Medikamenteneinnahme, allein überlassen wird. Wir vom Pflegeteam haben dann die vielen Medis für die ganze Woche einsortiert, um sie dann in irgendwelchen Schubladen oder Döschen aufzufinden. Daraufhin haben wir uns darum gekümmert, dass wir ihnen die Medis täglich selber verabreichen.
Nun sind aber in vielen Familien die alten Leute noch nicht pflegebedürftig und selber für die Medikamenteneinnahme verantwortlich. Z. B. meine Schwiegermutter. Meine Schwägerin hat sich die Arbeit gemacht und die Medis wochenweise einsortiert, bis sie dann feststellte, dass Schwiegermutter alle Tabletten halbiert und die Hälften, die sie für unnötig hielt, in eine Schublade geworfen hatte. Da ist es nicht Demenz oder Unfähigkeit, die Situation zu überblicken, sondern Sturheit, es besser als der Arzt zu wissen.
Ich hatte mal eine Patientin zu versorgen, die neben der ärztlichen Behandlung sich auch von Heilpraktikern behandeln ließ, die die gesicherte Diagnose infrage stellen und anders therapierten. Daraufhin nahm sie die ärztlich verordneten Medikamente einfach nicht mehr, und ihren Hausarzt, der trotzdem immer kam, informierte sie aber absichtlich nicht darüber. Einer der Heilpraktiker verursachte durch seine Behandlung bei ihr ein Nierenversagen, und dann war die Schulmedizin wieder gut.
Dann gibt es noch diese, die den Beipackzettel lesen und Angst haben, sich zu vergiften, deshalb fangen sie erst gar nicht an, solche Medis zu nehmen. Oder sie hören mit den Antibiotika oder sonstigen Medis zu früh auf, weil sie keine Schmerzen mehr haben. So wird es ja auch in dem Artikel beschrieben. Die Verleugnungsstrategie oder Depressionen werden als weitere Gründe beschrieben.
Es wäre natürlich wunderbar, wenn alle Hausärzte mehr Zeit hätten, um bei der Verordnung mit dem Patienten über deren Befürchtungen der Nebenwirkungen sprechen. Aber viele Patienten sprechen nicht darüber. Und auch wenn Arzt oder Apotheker sich die Mühe machen und ausdrücklich darauf hinweisen, was passieren kann, wenn die Medis nicht wie verordnet eingenommen werden, gibt es trotzdem noch genügend Patienten, die sich sagen: "Das hilft ja doch nichts", und aus Uneinsichtigkeit die Einnahmevorschriften nicht beachten.
Es ist wirklich schwierig.
