Hallo Ihr Lieben!
Ich hab so meine Probleme mit derartigen Ernährungsideologien. Und für mich sind das oft Ideologien. Als ich vor 30 Jahren das erste Mal Probleme mit Rheuma bekam (Diagnose war nicht möglich damals, dazu wusste man einfach zu wenig über SAPHO damals, es war halt nur klar, dass da "irgend was nicht in Ordnung war und wahrscheinlich rheumatisch bedingt" war), war Bircher Benner grad der große Hit. Also hab ich das probiert, schon weil in meiner Familie ein paar eifrige Jünger sehr engagiert waren, mich zu bekehren. Ja, hat anfangs geholfen, leider vertrage ich Müsli schon zum Frühstück und die riesigen Mengen Rohkost auf Dauer so gar nicht, außerdem verlor diese Diät sehr schnell ihre Wirkung. Ich war sehr lange sehr strikte Vegetarierin, vor allem aus ethischen Gründen, aber auch weil der weitestgehende Verzicht auf tierisches Eiweiß ja "sehr gut gegen Rheuma" helfen sollte. Nee, hat er nicht. Ich hatte nur irgendwann einen dramatischen Eiweiß-, Eisen- und Vitamin B12 Mangel. Wahrscheinlich auch, weil zu "meinem Rheuma" auch Resorptionsprobleme durch Gastritis und Darmentzündungen gehören. Also fing ich widerwillig wieder an, Fisch und Fleisch zu mir zu nehmen. Meine ethischen Bedenken halte ich durch extrem hohe Ansprüche an Zertifizierungen und Herkunft im Zaum. Und ich esse nur sehr, sehr selten Fisch oder Fleisch. Meine entsprechenden Blutwerte haben sich auch gebessert. Nnahrungsergänzungsmittel lehne ich weitestgehend ab, weil ich da nie wirklich nachvollziehen kann, woher diese Ersatzstoffe kommen, zudem vertrage ich sie eher selten Eiweißersatzprodukte aus Soja, Weizen etc vertrage ich nur kurzfristig und in eher kleinen Mengen. Veganerin kann ich also schon mal nicht werden. Find ich okay, denn das Sendungsbeswusstsein, mit der viele Veganer mir begegnen, geht mir ziemlich auffen Keks. Ich habe wiederholt erklärt, warum das für mich nur unter sehr schwierigen Bedingungen und größeren Gesundheitsrisiken in Frage kommt. Ich bin trotzdem Fleischfresserin. Ähm ja.
Dann kam Paleo. Ich habe mich also artig interessiert eingelesen. Und raufe mir die Haare. Wie beim Veganismus kursieren da die abenteuerlichsten Erklärungsmodelle und angeblich wissenschaftlichen Belege, warum DAS jetzt das einzig Wahre ist. Die neue Ernährungsreligion. Ich bekomme schon beim Lesen Bauchweh und Depressionen. Ich trinke gern mal ein Glas Cola. Ich esse gern knuspriges Baguette. Ein paar Stückchen Schokolade. Ich liebe Pasta. Wenn es mir so richtig beschissen (pardon, da gibt es kein Schönschreibeausdruck) geht, so wie gestern, da tröstet eine Portion Weißmehlspaghetti mit zerbröseltem extra ultra reifem Cheddar ungemein. Nicht zu vergessen das Stückchen Butter dabei.
Längerer Rede nicht ganz so kurzer Sinn: nicht jeder Mensch verträgt jede Ernährungsform. Das ist eine von nur zwei ziemlich gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnissen in diesem Dschungel aus Tipps und Trends. Die zweite ist: wer mehr isst, als er'/sie verbraucht, wird dicker (dass bestimmte Medis dazu beitragen, wissen wir alle aus eigener Erfahrung). Ich schließe daraus für mich ganz persönlich, dass ich esse, was ich mag, wovon ich aus Erfahrung weiß, das es mir gut tut und schmeckt. Worauf ich Lust habe - denn irgendwie habe ich die Erfahrung gemacht, dass mir manche Gelüste uU auch etwas über meine Bedürfnisse verraten. Sogar das Verlangen nach Schokolade sagt mir etwas wichtiges: ich hab Bock drauf. Mein Leben ist zu anstrengend, meine Energie zu begrenzt, um mir längerfristig einen Kopf darum zu machen, ob ich zu jedem Zeitpunkt immer das in Medien und von manchenMenschen in meinem Umfeld grad als das Heilmittel gepriesene Konzept exakt lebe. Kann ich nicht, will ich nicht. Das sind - pardon, jetzt werde ich polemisch - Luxusprobleme einer übersättigten Gesellschaft für mich.
Und gerade chronisch Kranke geraten da sehr schnell unter Druck, weil sie verzweifelt nach Heilung oder wenigstens Linderung suchen. Sie meinen, das richtige tun zu müssen. Sonst verpassen wir womöglich die letzte Chance auf Besserung. Wir müssen doch alles dafür tun. Nö. Müssen wir nicht mehr oder weniger als alle anderen. Natürlich sollten wir uns alle fragen, welche Konsequenzen unsere Ernährung und die damit verbundene Industrie auf Menschen, Tiere, Umwelt etc haben. Wir alle. Jeder, der es wissen will, weiß, welches Leid unser Essen verursacht bei den Tieren und zudem den Menschen in anderen Ländern. Aber: nicht jeder hat die Kraft, Zeit, Energie, Möglichkeit, das Geld usw, um zu jeder Zeit und unter allen Umständen diesem berechtigten Anspruch gerecht zu werden. Ich plädiere also für einen einigermaßen bewussten Umgang mit dem Thema Ernährung. Ich esse, was ich mag, sehe zu, dass ich mich einigermaßen angemessen bewege, beachte weitestgehend meine eigenen, ziemlich hohen ethischen Ansprüche und versuche, Genuß zu genießen ohne mieses Gewissen. Das entspannt enorm. Versprochen. Nee, ich gehe sogar weiter: Garantiert!
seepferdchen mit Cola und Feierabendzigarettchen auffem Sofa