Liebe Urmel,
Du hast ja schon viele aufmunternde Antworten bekommen. Vielleicht darf ich mich da auch mit einreihen:
Ich lernte meinen jetzigen Freund kennen, als ich folgendes Leben hatte:
- 24 Jahre
- in Trennung (Scheidung steht auch jetzt erst an; das dauert vielleicht....)
- ich habe eine Tochter von meinem Noch-Ehemann, die Kleine ist damals 1 1/2 Jahre alt gewesen
- ich hatte massive Depressionen und
- eine Essstörung - wog damals bei einer Größe von 1,70 m nur noch 47 kg
Ich war fertig - mit der Welt und allem. Ich wollte nichts - und erst recht keine neue Beziehung.
Dann zog ich mit meiner Tochter um, in ein kleines 4-Parteien-Häuschen etwas außerhalb von Kiel.
Unter mir zog gerade ein junger Mann ein. Wir trafen uns auf dem Flur und begrüßten uns als Nachbarn.
Meine damaligen Gedanken weiß ich noch: "Hui, der scheint ja nett zu sein.... aber da brauche ICH mir ja wohl keine Hoffnungen zu machen....:-(("
Naja, ich wollte ja eh keine Beziehung.
Aber - wir sahen uns halt mehrmals in der Woche im Hausflur oder im Garten, haben Gespräche geführt.... ich fand ihn so nett und habe Vertrauen zu ihm aufgebaut. Er war zurückhaltend, aber auch fürsorglich.
Wenn er sah, dass es mir nicht gut ging, fragte er vorsichtig nach. Und ich erzählte ihm nach einigen Wochen meine Situation. Meine Tochter hatte er ja auch schon kennengelernt und die beiden waren sich recht sympathisch.
Es dauerte viele Wochen, sogar mehrere Monate, bis wir das erste Mal allein ins Kino gegangen sind.
Ich hatte soviele Zweifel - ich wollte doch eigentlich nicht, aber schön war es trotzdem, jemanden an seiner Seite zu haben.
Und dann bekam ich einen Bandscheibenvorfall. Und von da an wich er nicht mehr von meiner Seite. Er organisierte meinen Haushalt, besuchte mich täglich im Krankenhaus, brachte mir Bücher und Blumen. Er war einfach da.
Und ich ? Ich dachte, vielleicht ist er ja wirklich anders wie sein Vorgänger. Aber ich wollte es meiner Tochter und mir nicht antun, dass wir wieder enttäuscht werden - und hielt mich weiterhin bedeckt.
Trotzdem hat er sich nie abschütteln lassen. Wenn ich mal meine Ruhe brauchte, weil ich in Depressionen verfiel, sorgte er für mich, indem er mit mir aß und vorsichtig nachfragte. Aber er ließ mich in Ruhe, wenn ich ihn nicht um mich haben konnte.
Langsam, ganz langsam vertraute ich ihm dann sehr, meine Tochter und er wurden immer unzertrennlicher und irgendwann stellte ich ihn dann auch meiner Familie vor. Wir haben also offiziell beschlossen, eine Beziehung miteinander zu versuchen.
Gerade haben wir einige Wochen Glück hinter uns, erkrankte ich. Ich hatte mir zwar gerade erst wieder ein wenig Gewicht angefuttert und sah vom Körper her wesentlich gesünder aus, da schlug die Fibro zu. Ich war die ersten Wochen halbwegs bewegungsunfähig.
Und er ? Er wusch mir die Haare, putzte mir die Zähne, zog mich an und aus, kochte, machte den Haushalt, spielte mit meiner Tochter und unternahm Ausflüge mit ihr, damit ich Ruhe hatte.
Ich hatte unzählige Arzttermine, habe sehr viel Cortison nehmen müssen, weil die Ärzte erst dachten, ich wäre an cP erkrankt. Ich schwemmte furchtbar auf, nahm 15 kg zu und war todunglücklich.
Das war letztes Jahr um die Weihnachtszeit herum. Sylvester fragte er mich, ob wir nicht zusammenziehen wollen. Wenn ich es möchte. Ich soll den Zeitpunkt bestimmen. Und wenn ich es noch nicht kann - auch gut. Er wird für mich da sein.
Ich hatte in den ersten Monaten diesen Jahres nur mit mir selbst zu tun. Ich hatte furchtbare Schmerzen, bis ich endlich die für mich richtigen Medikamente bekam.
Ich fing langsam an, mich mit der Krankheit abzufinden, aber wir haben alle sehr schwere Monate hinter uns. Er war immer an meiner Seite, bringt mir Körnerkissen, massiert mich, duscht mich, schneidet mein Brot....rundum, er ist ein Schatz.
Im Juni sind wir dann zusammengezogen und nun kann er noch besser auf mich eingehen. Ich hatte in den letzten fünf Wochen so starke Rückenschmerzen, dass ich nicht mehr wirklich laufen oder sitzen konnte. Alle Einladungen und Besuche musste ich absagen.
Er blieb bei mir.
Und wenn es etwas Unverschiebbares war, dann ging er eben kurz hin und war zwei Stunden später zurück.
Er sitzt nächtelang wach mit mir, wenn ich nicht schlafen kann. Er kommt mit zu jedem Arzttermin, er liest mir die Wünsche von den Augen ab.
Und dabei bin ich sooo zickig, unleidlich, unfair zu ihm. Ich mache ihn oft an, wenn ich schlechte Laune habe, und es tut mir dann leid. Ich halte mich oft für unausstehlich.
Mittlerweile geht mein Gewicht, wahrscheinlich krankheitsbedingt, wieder extrem nach unten. Was das für mein Bindegewebe heißt, kannst Du Dir ja vorstellen.
Ich habe keine richtige Figur mehr, mir fallen die Haare aus.... aber er sagt mir, dass ich schön bin. Für IHN schön, in seinen Augen. Er findet eben nicht nur mein Äusseres, sondern auch mein Inneres schön, mit all den Launen, Tränen, der ganzen Wut und Hoffnungslosigkeit.
Oft denke ich, er hätte doch jede andere haben können. Eine, die nicht einen Haufen Schulden und eine gescheiterte Ehe hinter sich hat. Eine, die nicht krank ist und mit ihm Unternehmungen machen kann. Eine, die genauso aktiv und gutaussehend ist, wie er.
Und dann sagt er mir, dass man nur mit dem Herzen sieht. Und in seinem Herzen bin ich schön. Ich bin für ihn die Richtige, auch wenn es so schwer war und auch noch ist.
Gerade heute habe ich Bescheid bekommen, dass ich einen zweiten Bandscheibenvorfall habe. Das erklärt meine Rückenschmerzen. Und das einzige, was mein Freund dazu sagt, ist: "Und wenn ich Dich den ganzen Tag tragen müsste....."
Siehst Du, selbst wenn wir mit unserer Figur, unseren Launen, unserem Inneren nicht zufrieden sind, gibt es doch Menschen, die mit dem Herzen sehen. Es sind viel mehr, als Du glaubst. Und so einen Menschen wünsche ich Dir von ganzem Herzen. Einen Menschen, der Dich liebt, trägt, auffängt, und hält, so wie Du es brauchst.
Gib die Hoffnung niemals auf - ich habe sie aufgegeben, aber mittlerweile wieder gefunden.
Ich wünsche Dir eine Liebe, die Dich erfüllt und glücklich macht.
Und die Menschen, die nur Dein Äusseres sehen, kannst Du eh vergessen. So ist nämlich mein Ex
Ich wünsche Dir alles, alles Liebe und schicke Dir meine herzlichsten Grüße
Manuela