Magen- und Physiologie
Corticoide und Ulcera ventriculi/duodeni bilden in (älterer) Literatur und Laienpresse einen gesicherten Zusammenhang. Corticoide verursachen eine vermehrte Säureproduktion, eine verminderte Schleimproduktion, eine Hyperplasie der Parietalzellen, eine verzögerte Heilung, eine Vergrößerung bestehender und ein Wiederauftreten kürzlich abgeheilter Ulcera (Jung u. Mitarb. 2002). Auch wurden sie in überhöhter Konzentration beim Operationsstress im Magensaft nachgewiesen (Kley u. Mitarb. 1983).
Trotzdem ist der Zusammenhang zwischen Corticoiden und Magen-Darm-Ulcera weniger eng. Die Untersuchungen von Conn u. Blitzer (1976) und Messer u. Mitarb. (1983) führten zu dem Ausdruck „Mythos des Corticoidulcus“ (Spiro 1983).
Piper u. Mitarb. (1991) fanden für ihre Patienten (n: 1415) ein relatives Risiko von 1,1 bei Patienten, die Corticoide eingenommen hatten; es war 4,4 bei Patienten, die NSAR erhalten hatten, und es betrug 14,6 (!), wenn Corticoide zusammen mit NSAR eingenommen worden waren.
In einer Metaanalyse (93 Studien mit 6602 Patienten) entwickelten 0,3% in der Plazebogruppe und 0,4% in der Corticoidgruppe ein peptisches Ulcus. Conn u. Poynard (1994) kamen zu dem Urteil: „Peptic ulcer is a rare complication of corticosteroid therapy“.
Patienten allerdings, die neben Corticoiden noch NSAR einnehmen, sind erheblich gefährdet bzgl. peptischer Ulcera (Ulcera ventriculi und duodeni in etwa gleicher Verteilung; Köhler u. Mitarb. 1997).
Auch Frühgeborene und Kinder sollen unter Corticoiden vermehrt Ulcera entwickeln (O'Neil u. Mitarb. 1992).
Besonders ältere Patienten sind unter NSAR und Corticoide gefährdet (Piper u. Mitarb. 1991).
TherapieProphylaxe wie Therapie peptischer Ulcera sollte mit einem Protonenpumpen-Inhibitor (Yeomans u. Mitarb. 1998) oder mit Misoprostol (Köhler u. Mitarb. 1997) erfolgen.
Regeln zur Vermeidung von Ulcera unter Corticoiden- Generelle Ulcusprophylaxe unter Corticoiden ist nicht indiziert.
- Ulcusprophylaxe soll bei älteren Patienten großzügiger gehandhabt werden.
- Ulcusprophylaxe bei Magen-Darm-Ulcera in der Anamnese ist zu empfehlen.
- Ulcusprophylaxe muss sein, wenn zusätzlich NSAR appliziert werden.
- Liegt ein Ulcus ventriculi/duodeni vor, NSAR (nicht grundsätzlich Corticoide) absetzen. Des Weiteren:
- Indikation für NSAR kritisch stellen; falls notwendig, diese als Suppositorien.
- Indikation für endoskopische Kontrollen großzügig stellen.
- Überwachung von: Blutbild, Stuhl auf Blut, Klinik
Zusätzliche Komplikationen der Corticoidtherapie können sein:- Penetration/Perforation von Ulcera: In der Klinik sehen wir eine zusätzliche Gefahr der Corticoidbehandlung in den oft klinisch nicht/kaum erkennbaren Komplikationen Penetration und Perforation der Ulcera. Über deren Inzidenz gibt es keine gesicherte Statistik. Eine Perforation unter Corticoiden kann sehr symptomarm verlaufen mit geringen Schmerzen und ohne die klassischen Zeichen der Peritonitis. Die Gefahr, eine Perforation zu übersehen, ist unter Corticoiden höher. Patienten unter Chemotherapie wegen Tumorleidens sind gefährdet (Liaw u. Mitarb. 1993).
- Verzögerte Heilung von Ulcera: Etienne u. Mitarb. (1976) geben eine verzögerte Heilungstendenz der Ulcera an. Wir haben bei fortbestehender Corticoidtherapie das Abheilen von Ulcera häufiger beobachtet