Ich bin frustriert! Ich bin genervt! Ich bemitleide mich selbst!
.... Solche Schübe werfen mich zurück! Ich stehe wieder am Anfang und frage mich "Wieso ich? Kann das nicht aufhören?"
Nun meine Frage an euch:
Wie kommt ihr psychisch mit eurer Krankheit klar?
Macht euch das Rheuma depressiv?
Habt ihr euch damit "abgefunden"?
Liebe Grüße
Kaktusnova
@ Kaktusnova und alle:
Mich macht das Rheuma nicht depressiv. Hin und wieder habe ich schon Tage, in dem ich mich dem Selbstmitleid hingebe, aber dann raffe ich mich wieder auf und tue das, was ich noch tun kann. Im ersten halben Jahr war es schlimm, bis ich mich mit der Krankheit abgefunden hatte. Sie stand wie ein riesiges Schreckgespenst vor mir, das mein Leben bestimmte. Aber von einem Tag auf den anderen habe ich begriffen, dass ich sie als - wenn auch lästigen - Begleiter sehen soll und dass ich mir davon nicht die Freude am Leben verderben lassen muss. Natürlich ist es oft schwer, wenn man vieles nicht mehr kann. Ich bin gerade dabei, einen Schwerbehindertenausweis zu beantragen. Anfangs war es so, dass ich mich bei jeder Verschlechterung wieder neu darauf einstellen musste, es anzunehmen und zu ertragen. Irgendwann war ich soweit, dass ich nicht mehr jedesmal in ein Loch fiel, wenn ein Schub kam.
Was mir für Geist und Seele gut tut, ist meine Arbeit. Wie früher in der Alten- und Krankenpflege, so auch jetzt bei den Menschen mit geistigen und mehrfachen Behinderungen. Wenn ich sehe, wie es diesen Menschen geht, dann geht es mir wieder gut. Ich habe "nur" Rheuma, keine MS oder gar ALS, keinen Parkinson, kein Wachkoma, keine spastische Lähmung, keine Lähmung durch Schlaganfall, keine hohe Querschnittslähmung, keinen Krebs usw., eben all das, was ich in all den Jahren gesehen habe, und die Menschen mit diesen Erkrankungen, die ich gepflegt habe. Ich habe keine geistige Behinderung, keine Schizophrenie, keine Psychosen, keinen Autismus usw.
Ich habe eine Krankheit, die mir zwar vieles verwehrt, die mich aber viel bewusster leben lässt. Sie ist weder mein Freund noch mein Feind, sondern mein Begleiter, auf den ich zwar verzichten könnte, von dem ich aber viel gelernt habe. Ich habe z. B. das gelernt, was in meinem Berufsfeld selbstverständlich ist, was ich aber für mich lange nicht in Anspruch nehmen konnte: Nämlich, dass ich trotz allem genauso ein wertvoller Mensch bin wie ein gesunder. In unserer leistungsorientierten Gesellschaft ist es sehr wichtig, das zu begreifen.
Ich frage mich nicht: "Warum ich?" - Mit der Frage kann ich nichts anfangen, denn ich denke mir: "Warum soll ich nie von irgendwas betroffen werden? Und wenn nicht ich, wer dann sonst?" Ich nehme lieber selber was auf mich, bevor ich es anderen auflade.
Ja, ich habe mich damit abgefunden, denn was hilft es mir, wenn ich mich dagegen wehre? Es wäre alles nur viel schlimmer.
Ich musste vieles in meinem Leben erleiden, das alles hat mich geistig-seelisch stark gemacht, denn ich habe immer alles so angenommen, wie es kam, das Beste draus gemacht und viele gute Erkenntnisse gewonnen. Aus einer ängstlichen, oberflächlichen jungen Frau ist ein tiefgründiger, hochsensibler, einfühlsamer Mensch geworden. Ich habe gelernt, dankbar zu sein auch für das Unangenehme im Leben, denn das hat mich reifen lassen.
Natürlich bin ich froh, dass es heutzutage gute Medikamente gibt, die die Krankheit aufhalten, auch wenn ich nicht darüber froh bin, dass ich von Jahr zu Jahr mehr und stärkere Medikamente brauche. Aber ich kann leben und mache das, was mir Freude bereitet. Es gibt viele schöne Dinge, die ich nicht mehr machen kann, aber es gibt noch viel mehr Dinge, dich ich trotz allem machen kann.
Es heißt, man solle sich jeden Tag 3 Dinge überlegen, für die man dankbar sein kann. Das vertreibt die negativen Gedanken. Mir fallen da nicht nur 3, sondern viel mehr Dinge ein.
Es gibt ein gutes Sprichwort: "Wenn das Leben dir eine Zitrone gibt, dann mach Limonade daraus." -
Oder: "Mit den Steinen, die dir in den Weg gelegt werden, kannst du dir was Schönes bauen."
Das Leben ist nun mal nicht so einfach, es hat uns auch niemand garantiert, dass es einfach werden würde. Niemand kommt problemlos durch, und das ist auch gut so, denn sonst würden wir alles selbstverständlich nehmen und undankbar werden. Nur so können wir lernen, was im Leben wirklich wichtig ist. Nur so können wir lernen, was einen wertvollen Menschen ausmacht.
@Kaktusnova:
Ein Tipp von mir: Mach dir mal eine Liste mit 2 Spalten. In die linke Spalte schreibst du alles, was du nicht mehr tun kannst. In die rechte Spalte schreibst du (aber ganz ehrlich und wirklich alles reinschreiben), was du noch tun kannst. Du wirst sehen, dass die Auflistung in der rechten Spalte sehr viel länger sein wird als die in der linken. Dann sei dankbar über all das, was in der rechten Spalte steht. So wirst du sehen, dass der Schrecken der Krankheit sich verflüchtigt. Nimm das Negative an, aber konzentriere dich auf das Positive.
Alles Liebe und Gute!