Hi Handy,
es ist schwer. und ich überlege gerade, wie ich dir mut machen kann ohne etwas zu beschönigen.
du schreibst:
Das Leben kann schön sein, das weiß ich. Aber der Weg zu diesem Leben ist für mich gerade abgeschnitten. . . Eigentlich habe ich gerade meine Lebensmitte mit etwas über 40 erreicht. Wie sieht dann eigentlich die zweite Hälfte aus? Ich grusel mich davor!
ja, ich verstehe diesen gedanken sehr sehr gut. ich habe nach meiner diagnose sehr gehadert. gehadert damit, dass die zukunft, die ich mir gerade am aufbauen war plötzlich im nichts verschwand.
wie gehe ich damit um? ich denke momentan nicht mehr so weit in die zukunft. ich versuche den vor mir liegenden tag so gut wie möglich zu gestalten und nur ein klein wenig weiter vorauszusehen. das geht nicht auf knopfdruck, ich weiß. und ich war vor meiner diagnose gerade wirklich an einem neuen lebensabschnitt, der
extrem zukunftsorientiert war. aber ich hätte mit diesen ständigen 'was- wäre- wenn -ich- kein- rheuma -bekommen- hätte' gedanken nur schwerlich weiterzuleben gewusst oder mit dem gedanken was noch alles negatives auf mich zukommen mag. und es ist ja wirklich allgemein so, dass wir zu wenig in der gegenwart leben. ich nehme mir also etwas für den tag vor und schaue am abend auf mein tageswerk, so klein es sein mag. oft macht mir auch der körper oder sonstwas einen strich durch die rechnung. dann muss ich es eben am nächsten tag nachholen oder habe etwas verpasst. damit umzugehen gelingt nicht immer und mir tut mein lebensweg auch noch manchmal weh, aber es ist zumindest besser momentan und ich kann wieder lachen.
Meine Persönlichkeit hat sich verändert. Ich bin nicht mehr der lebenslustige Mensch, der ich mal war und ich spüre das jeden Tag und bei den normalen Verrichtungen des Lebens.
ohh ja, auch das. ich fühle mich nun auch manchmal fremd mir gegenüber, irgendwie verhindert so zu sein wie ich eigentlich wäre bzw. gewesen bin. aber auch hier versuche ich umzudenken und zwar in der art, dass ich mir sage: heyy, immerhin war ich mal sehr lebenslustig. immerhin habe ich eine wunderbare vergangenheit. manche menschen hatten ihr leben lang keine lebenslust oder nie erfahren, dass das leben schön sein kann. ich wurde glücklicherweise in eines der stinkreichsten länder dieser erde geboren, hatte eine goldene kindheit, eine extrem freie jugend und wenigstens einen kleinen teil netten erwachsenenalters. das hat nicht jeder. andere erkranken viel früher, noch andere haben von geburt an durch die armut ihres landes schon mal gar keine chance. ich hatte viele jahre eine menge spass und manchmal gehe ich gedanklich dahin zurück und muss lachen.
keiner nimmt mich ernst, alle haben nur mit sich selbst zu tun
jepp, eine bittere erfahrung. der ganze egoismus, die ganze ignoranz der menschheit wird einem in der position des kranken oft viel bewusster gemacht. ich hätte gern auf diese einsicht in den charakter vieler menschen verzichtet. aber so ist es nun mal. das gute was ich daraus gelernt habe, ist mehr auf mich selbst zu vertrauen, mich weniger von andren menschen abhängig zu machen (was nicht immer gelingt, gerade wenn man krank ist) ABER ich kann besser NEIN sagen und ich sehe auch ärzte nicht mehr so sehr hierarchisch über mir stehen wie zuvor. sie nehmen mich teilweise nicht ernst? ich sie dann aber auch nicht....also sind wir wieder quitt, auch wenn ich ihrer hilfe sehr bedürfte und es wichtig wäre sie würden mich oft ernster nehmen. vielleicht sind sie auch wirklich oft überfordert, kennen schlimmere fälle, jüngere patienten.. und zu ihrem selbstschutz und aufgrund ihrer häufigen machtlosigkeit kommen dann gewisse äußerungen zustande.
und weißt du es gibt einige wenige ärzte und andre menschen, die einen ernst nehmen. und diese menschen zu treffen unter all den andren kommt mir dann vor wie ein wunderbares geschenk.
Ich mag nicht mehr die Schmerzen haben, mag nicht mehr ständig daran denken und spüren, was noch geht und was nicht mehr geht
das finde ich den schwierigsten punkt deines postings. ich denke man kann versuchen das denken umzulenken, zu akzeptieren, dass man einschränkungen hat, dass die zukunft anders aussieht, dass man sich verändert hat, dass die menschen egoistisch sind, dass die ärzte einen oftmals nicht ernst nehmen. ABER was macht man mit den körperlichen symptomen? welche worte können da helfen? welches umdenken? es gibt sicherlich tricks auch psychisch mit schmerzen besser umzugehen, aber ich finde das körperliche bleibt doch immer das am schwierigsten veränderbare.
du magst keine schmerzen mehr haben. hmm, kannst du evtl nach weiteren schmerzlösungsverfahren suchen? ich weiß nicht was du probierst hast. gibt es andere, weitere medikamente, die dir helfen könnten? gibt es zusätzlich alternativmethoden, die dir helfen könnten? (akkupunktur etc.), gibt es psychische hilfe, die dir mit dem umgang helfen könnte? es gibt ja schmerzambulanzen, die auf verschiedenen ebenen mit patienten arbeiten. hast du es mal mit verschiedenen *gezielten* entspannungsverfahren probiert? ich weiß es ist müßig und ich weiß man kann das problem auch nicht wegreden. aber das sind alle tipps, die mir gerade einfallen.
aber Ihr kennt das doch, in diesem Loch zu stecken
ja. grusel. aber ich weiß auch, dass ich bisher immer wieder raus kam und das sage ich mir dann in diesen momenten. versuche die dinge zu tun, die mir helfen könnten schneller rauszukommen und wenn das nicht geht, ist es manchmal einfach nur ein sehr unangenehmes warten.
Zwar lese ich viele gleichartige Beiträge und ich glaube so richtig neu ist das nicht was ich sage: Ich fühle mich scheiße! Trotzdem habe ich den Druck, das hier zu sagen
egal, ob alt oder neu. für jeden neu erkrankten ist es neu. für jeden alterkrankten, der solch einen 'schub' bekommt, ist es wieder neu da. und auch nicht nur neues hat berechtigung. alte, immer wiederkehrende probleme haben sie auch. und ich finde gut, dass du gepostet hast, dass du damit ein kleines ventil hast, zumindest. vielen tut ein in-sich-reinfressen nicht gut. deshalb ist es oft gut, es einfach rauszulassen.
ich wünsche dir, dass es dir bald besser geht!
Liebe Grüße,
Lela
Handy schrieb:
Zwar lese ich viele gleichartige Beiträge und ich glaube so richtig neu ist das nicht was ich sage: Ich fühle mich scheiße! Trotzdem habe ich den Druck, das hier zu sagen: keiner nimmt mich ernst, alle haben nur mit sich selbst zu tun, die Ärzte sagen: ab 40 ist es normal, dass manches nicht mehr so geht... Ich bin traurig darüber, dass das schon jetzt so ist, was eigentlich im fortgeschrittenen Rentenalter eigentlich erst dran wäre. Meine Persönlichkeit hat sich verändert. Ich bin nicht mehr der lebenslustige Mensch, der ich mal war und ich spüre das jeden Tag und bei den normalen Verrichtungen des Lebens. Ich mag nicht mehr die Schmerzen haben, mag nicht mehr ständig daran denken und spüren, was noch geht und was nicht mehr geht... möchte mich verstecken und nach einer Zeit wieder herauskommen und wieder die alte sein... Das Leben kann schön sein, das weiß ich. Aber der Weg zu diesem Leben ist für mich gerade abgeschnitten.
Was sag ich euch.... alles ein alter Hut, ich weiß, aber Ihr kennt das doch, in diesem Loch zu stecken.
Wir können hier versuchen uns zu trösten, doch die Ursachen können wir nicht bekämpfen und das macht mich traurig.. Und wie geht das weiter?? Eigentlich habe ich gerade meine Lebensmitte mit etwas über 40 erreicht. Wie sieht dann eigentlich die zweite Hälfte aus? Ich grusel mich davor!