Hallo Christine,
ich lese schon länger deine Themen mit, und jetzt möchte ich dir auch gerne etwas schreiben, obwohl ich eher der Typ bin, der sich raushält. Aber es tut mir so leid, zu sehen, wie du dich quälst und immer verbitterter wirst.
Ich bin auch Mitte 45, berentet seit 9 Jahren (wegen Borderline), hatte Probleme, das zu akzeptieren, habe seit über einem Jahr starke Schmerzen wegen RA, und muss jetzt noch lernen, mit den Einschränkungen zu leben, die das nun mit sich bringt (kann wegen meiner Hände nicht mehr Flöte spielen oder malen, kann keine langen Wanderungen mehr machen...).
Vieles von dem, was du schreibst, lässt mich vermuten, dass du zur Zeit in einer ziemlich tiefen depressiven Phase steckst, Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit, Einsamkeitsgefühl, das Gefühl oder die Überzeugung, nicht angenommen zu werden, Konzentrationsprobleme... Und bei deinen Schmerzen und Beschwerden ist es nicht ungewöhnlich, dass sich eine Depression entwickelt, die es einem dann noch schwerer macht. Ich kenne das von mir auch, durch die Schmerzen und die Schlaflosigkeit ging es mir seelisch schlechter, obwohl ich schon seit Jahren stimmungsmäßig ganz stabil bin, ich war nervös und ungeduldig, konnte mich immer schlechter konzentrieren, hatte keine Kraft. Dann haben wir haben die Dosis meines Antidepressivums erhöht, und jetzt geht es mir deutlich besser. Ich schaffe wieder, das Glas halbvoll zu sehen, dankbar zu sein für das, was ich noch kann und habe, Chancen zu nutzen, Alternativen zu suchen und neue Wege zu gehen. So habe ich zum Beispiel angefangen zu fotografieren, versuche, viel darüber zu lernen, auch über Bildbearbeitung, genieße inzwischen auch kurze Spaziergänge. Meine Tiere helfen mir auch sehr, vielleicht wäre ja eine Katze etwas für dich.
Aber vor allem: Ich denke, du solltest professionelle Hilfe suchen, damit du Unterstützung bekommst bei dem Weg aus dem schwarzen Loch. Eine Depression ist kein Makel! Sie ist die Reaktion deines Körpers auf all die Belastungen und Umstände, und der Körper braucht Hilfe, damit fertig zu werden. Einmal durch Gespräche mit einem guten Therapeuten, der dir auch wirklich zuhört, bei dem du auch alles rausschreien kannst, und auch durch eine vernünftige Medikation. Und dann wirst du auch wieder Kraft haben, Gutes für dich zu tun.
Um die Konzentration zu trainieren, kannst du Kreuzworträtsel oder Sudoku machen (mit ganz leichten anfangen), wenn dir Lesen zu mühselig ist, fang mit netten Kinderbüchern an (mache ich auch, wenn es mir gar nicht gut geht) oder höre Hörspiele (und wenn es "Fünf Freunde" sind, die mag ich z.B. immer noch).
Ich bin auch viel alleine, meine Kids kommen erst um vier aus der Schule, dann sind noch Hausaufgaben dran, mein Mann arbeitet nachts und schläft dann bis zum frühen Nachmittag, dann arbeitet er nebenhier mit Computern... Aber ich habe inzwischen gelernt, dass es auf die Qualität der Zeit ankommt, die wir miteinander verbringen, nicht auf die Quantität. Um kurz nach vier trinken wir gemeinsam Kaffee, das ist eine halbe Stunde, die uns als Familie "heilig" ist, die nur im Notfall ausfällt. Das läuft nicht so nebenher, sondern wir machen den Tisch schön fertig, manchmal Musik dazu an, und für das Telefon ist der Anrufbeantworter zuständig. Auf diese "Insel" freue ich mich jeden Tag, und wenn ich es schaffe, backe ich etwas leckeres dafür. Aber, wie gesagt, ich hätte für so etwas keine Kraft und keine Sinne gehabt, als ich zu depressiv war.
Ich habe jetzt viel persönliches erzählt, eigentlich mache ich das nicht so gerne, aber ich habe das Gefühl, dass dir das vielleicht helfen könnte. Bitte geh zu einem Arzt oder Therapeuten, suche dir Hilfe, damit du aus der Spirale nach unten wieder herauskommst. Dann kannst du auch wieder positiver auf andere zugehen und wirst positive Reaktionen zurückbekommen. Und du wirst merken, dass nicht jeder gegen dich ist, sondern jeder auch manchmal einfach genug mit sich selbst zu kämpfen hat.
Ich wünsche dir alles Gute, viel Kraft und Mut, zu dir zu stehen und dir Hilfe zu suchen.
Liebe Grüße aus Canada,
Jutta