Krank sein dürfen als junger Mensch
Liebe Marly,
Ich wünsche Deiner Tochter alles Gute! Es ist natürlich perfekt, dass sie so schnell Aufnahme in einer psychiatrischen Einrichtung erhalten hat. Je eher, desto besser! Vier Monate mögen lange scheinen, aber sind ganz schnell vorbei, ist erst einmal das Heimweh überwunden!
Ich denke, es ist ganz besonders für die anderen schlimm, wenn jemand eine Magersucht hat, aber nicht so sehr für den Kranken selbst. Bis zu dem Zeitpunkt, wenn man gesund werden möchte. Dann wird es für alle schlimm, und für den Magersüchtigen am schrecklichsten, denn der innere Kampf wird irre groß, aber die Wünsche von außen und die Sehnsüchte innen passen nicht immer zusammen.
Magersucht braucht, denke ich, vor allem psychologischen Beistand von Menschen, die nicht die Familie sind. Therapeuten oder andere Personen, zu denen man ein Vertrauen aufbauen kann. Je nach Typ kann die Therapie dann verhaltenstherapeutisch sein oder auch nur Gesprächsgebunden oder eine Analyse (eher nicht bei jungen Menschen). Das dauert aber, und das ist gut so. Die Symptome "Nicht-Essen" sind ja nur der Gipfen des Eisberges, die Probleme, zumal bei einem chronisch kranken Jugendlichen, sind ja langsam gewachsen. Man sollte also auch genug Zeit und Raum lassen, damit sie sortiert werden können. Die Symptome gehen dann von alleine. Das dauert aber auch mal Jahre, was nicht heißt, das ein normales/normaleres Leben nach ein paar Monaten wieder möglich ist. Eben dann, wenn keine Lebensgefahr besteht (oder mehr besteht).
Ich glaube, die größte Gefahr bei Magersucht ist, dass sich das Problem verschiebt, wenn man zu schnell auf ein normales Gewicht hofft (und drängt). Dann entstehen andere Ticks oder psychische Macken, wie Bulimie, oder Selbstverletzungen, oder (worst case) Verhaltensauffälligkeiten und Süchte. Eine "stabile" Magersucht ist der beste Weg gesund zu werden.
Magersucht ist (oft) eine Sehnsucht. Jeder Patient muss seine eigene Sehnsucht finden. Und diese befreien.
Das dauert. Dann erst kann die Magersucht losgelassen werden. Magersucht ist aber niemals eine Strafe gegenüber den Eltern. Auch wenn es sich so anfühlt.
Ich war sehr schwer magersüchtig als junger Mensch (bin 37 jetzt), und war oft am absolut untersten Limit. Oft im Krankenhaus und ab und zu in der Psychiatrie. Während meines Studiums (weg von daheim) habe ich eine Psychoanalyse gemacht, sechs Jahre lang. Dann, langsam war auch (unbemerkt) die Anorexie weg. Bin jetzt schlank aber nicht dünn.
Ich weiss, Du willst keine Kommentare zu Psychopharmaka. Aber dennoch: Viele dieser Medikamente (die Neuroleptika insbesondere) haben einen irren Effekt auf das Gewicht. Man wird fett. Und das ist in der Therapie kontraproduktiv. Und führt zu Selbsthass. Insbesondere, da man sich selbst und seinen Körper nicht kontrollieren kann.
Herzlichst,
Rosalind