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Vitamin D plus Kalzium: Kaum Osteoporoseschutz

Dieses Thema im Forum "Allgemeines und Begleiterkrankungen" wurde erstellt von uli, 20. Februar 2006.

  1. uli

    uli Mitglied

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    Hallo zusammen,

    folgender interessanter Artikel erschien im Deutschen Ärzteblatt:
    Nachrichten · Medizin
    Vitamin D plus Kalzium: Kaum Osteoporoseschutz, keine protektive Wirkung gegen Darmkrebs
    Donnerstag, 16. Februar 2006
    Bethesda - Die Einnahme von Vitamin D plus Kalziumsupplemente schützt Frauen in der Postmenopause nicht vor einer Osteoporose. Auch die erhoffte protektive Wirkung gegen Darmkrebs war im letzten Teil der Women’s Health Initiative (WHI) nicht erkennbar, die jetzt im New England Journal of Medicine publiziert wurde.

    Damit hat die WHI zum wiederholten Mal die Erwartungen vieler Mediziner enttäuscht und lange etabliert geglaubte Therapien grundsätzlich infrage gestellt. Der erste Teil der WHI hatte das Konzept der „Hormonersatztherapie“ weitgehend widerlegt, deren Risiken höher sind als deren Nutzen. Die Hormontherapie hatte zu den häufigsten medikamentösen Therapien in der Gynäkologie gehört. In der letzten Woche war der zweite Teil der randomisierten kontrollierten Studie publiziert worden. Er hatte untersucht, ob eine fettarme Diät vor Herzerkrankungen und Brustkrebs schützt, was nicht der Fall ist. Damit wurde das Selbstverständnis eines Teils (nicht nur) der US-Bevölkerung erschüttert, die glaubte, durch Einschränkung des relativen Fettgehalts einer absoluten Restriktion der Kalorien entgehen zu können.

    Der jetzt publizierte dritte Teil rüttelt ebenfalls an einem Dogma, der für selbstevident gehaltenen Osteoporose-Prophylaxe durch Vitamin D plus Kalzium. Diese Therapie stützte sich – wie auch die Hormontherapie und die fettarme Diät - vor allem auf die Ergebnisse von Beobachtungsstudien. Deren Ergebnisse zeigten, dass die regelmäßige Einnahme von Vitamin D plus Kalzium den Knochenabbau wenn nicht stoppt, so doch deutlich verringern kann.

    Der Einsatz von Vitamin D und Kalzium erschien durchaus plausibel, weil das Hormon im Darm die Resorption des durch die Supplemente reichlich zugeführten Kalziums fördert. Dies bedeutet jedoch nicht automatisch, dass das Mineral zu den Knochen transportiert und dort zur Festigung der Knochenstruktur eingelagert wird. Denkbar ist auch eine vermehrte Ausscheidung über die Niere. Mit dem Harn dürfte tatsächlich der größte Teil der täglichen 1.000 mg Kalzium verschwunden sein, der mithilfe von 400 IE Vitamin D im Darm resorbiert wurde.

    Die Ergebnisse zeigen, dass die Knochendichte im Bereich der Hüfte nach einer Behandlungszeit von durchschnittlich 7 Jahren gegenüber Placebo nur um 1,06 Prozent angestiegen war (NEJM 2006; 354: 669-683). Zu wenig, um einen deutlichen Schutz vor Hüftfrakturen zu bieten. Die Rate der Frakturen sank gegenüber dem Placeboast von 16/10.000 Personen auf 14/10.000 Personen und damit um 12 Prozent, was trotz der hohen Teilnehmerzahl der Studie von 36.282 Frauen im Alter von 50 bis 79 Jahren nicht signifikant war (Hazard Ratio 0,88; 95-Prozent-Konfidenzintervall 0,72-1,08). Auch die Rate der Wirbelfrakturen (minus 10 Prozent; HR 0,90; 0,74-1,10) und der Gesamtfrakturen (minus 4 Prozent; HR 0,96; 0,91-1,02) war nicht signifikant vermindert.

    Nur in Subgruppen-Analysen wurde ein statistisch überzeugender Effekt beobachtet. Frauen, die mehr als 80 Prozent der Kalziumdosierungen eingenommen hatten, erkrankten zu 29 Prozent seltener an Hüftfrakturen. Dies ergibt einen Rückgang von 14 auf 10 Hüftfrakturen bei 10.000 Anwenderinnen. Bei Frauen über dem 60. Lebensjahr wurde eine Reduktion um 21 Prozent erzielt, entsprechend einem Rückgang von 24 auf 19/10.000 Anwenderinnen. Elizabeth Nabel, Leiterin der Women’s Health Initiative, riet älteren Frauen weiter zur kombinierten Hormon-Kalzium-Behandlung. Bei Statistikern sind Subgruppen-Analysen allerdings höchst umstritten, sodass diese Empfehlung vermutlich mit einem Fragezeichen zu versehen sein wird.

    Diese und andere Frauen werden die Ärzte jedoch zukünftig auch auf die Risiken der Therapie hinweisen müssen. Die Supplemente wurden zwar in der Regel gut vertragen. Die Elimination des Kalziums über die Nieren kann dort jedoch Spuren in Form von Konkrementen hinterlassen. Die Rate der Nierensteine stieg von 29 auf 34/10.000 Personen um 17 Prozent an, sodass bei einer einfachen Nutzen-Risiko-Berechnung vier vermiedene Hüftfrakturen auf 10.000 Personen 5 Nierensteine gegenüberstehen.

    Diese Risiken würden vermutlich eingegangen, wenn die Einnahme einen Zusatznutzen hätte, der in einer darmkrebspräventiven Wirkung gesehen wurde. Frühere Studien hatten angedeutet, dass Vitamin D die Entstehung von Polypen verhindert, die die Vorläuferläsion des kolorektalen Karzinoms sind. Während der siebenjährigen Studiendauer der WHI erkrankten 322 Frauen an Darmkrebs, von diesen hatten 168 Kalzium plus Vitamin D eingenommen und 154 Placebo, woraus sich nur schwer eine krebsprotektive Wirkung ablesen lässt (NEJM 2006;354: 684-696). Das um 8 Prozent erhöhte Risiko war nicht signifikant (HR 1,08; 0,86-1,34).

    Joel Finkelstein vom Massachusetts General Hospital in Boston vermutet im Editorial, dass die Ergebnisse negative Auswirkungen auf den Verkauf von Kalziumsupplementen haben werden (NEJM 2006; 354: 752-754). Diese sind im milliardenschweren Markt der Nahrungsergänzungsmittel die bisher am meisten verkauften Präparate. Allein in den USA betrug der Jahresumsatz dieser Supplemente im Jahr 2004 993 Millionen Dollar. /rme

    Links zum Thema

    » Abstract der Studie zur Osteoporose-Prävention

    » Abstract der Studie zur Darmkrebs-Prävention

    » Homepage der Women’s Health Initiative

    » Pressemitteilung des National Heart, Lung, and Blood Institute

    » Pressemitteilung der Stanford Universität

    » Pressemitteilung der Universität Ohio


    http://www.aerzteblatt.de/v4/news/news.asp?id=23147

    Gruß

    Uli