Verständnisfrage Antidepressiva/Stimmungsaufheller

Dieses Thema im Forum "Sonstige Medikamente und Schmerztherapie" wurde erstellt von eve60, 19. Oktober 2016.

  1. roco

    roco Guest

    ein letztes für heute...

    ein depressiver mensch (wie du es so schön ausdrückst) weiss zuerst mal garnichts von seiner depression... ja, er ist unglücklich und mit seinem leben nicht zufrieden... das sind viele und von denen ist nicht jeder depressiv.
    keiner (die wenigsten) geht zum arzt und sagt, er hat eine depression (wenn es zum ersten mal der fall ist). es sei denn, er ist vom fach oder hat ähnliches bereits massiv im umfeld erlebt.
    da geht jeder zum arzt, weil er sich ausgebrannt fühlt, seinen alltag nicht mehr in den griff kriegt oder der körper (psychosomatisch) streikt.
    und dann ist es am arzt, die diagnose zu stellen und am patienten, diese diagnose anzunehmen. das fällt umso schwerer, wenn "des volkes stimme" von "arsch hochkriegen, bewegen usw." faselt und damit dem patienten sugeriert, das er an seinem befinden selber schuld ist, weil er eben dieses nicht kann... einfach nicht kann...

    das man depressionen hat merkt man erst, wenn es diagnostiziert ist und man sich daraufhin mit dem thema und sich selbst befasst. und ja ... DANN kann man merken, wenn die depressionen wieder zuschlagen.
    dann kann man lernen, die zeichen zu erkennen, dann kann man lernen achtsam mit sich zu sein und rechtzeitig hilfe zu holen, bevor man wieder in eine schwere depression verfällt.
    denn dann kann man auch das nicht mehr und dann helfen nur AD um in eine phase der depression zu kommen wo (wieder) eine therapie greifen kann.

    und dieses kann ist wirklich ein KANN ... nicht jeder hat das glück... aber viele das pech, das "wohlmeinende" mitmenschen sie völlig durcheinander bringen mit ihren unausgegorenen theorien und ihrem halbwissen.
     
  2. Anansie

    Anansie Mitglied

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    Mara es gibt auch Schicksalsschläge die kommen von heute auf morgen. Da ist nichts mit" Prävention", worauf du anspielst. Wir können sehr froh sein, dass es AD gibt. Bzw generell dass wir medizinisch so gut versorgt sind.
     
  3. Mara1963

    Mara1963 Guest

    Ich bin nicht ahnungslos, nur weil ich kein Medikament eingenommen habe und nur deshalb schreibe ich hier, ich schreibe doch nichts, wovon ich keine Ahnung habe.
     
  4. Anansie

    Anansie Mitglied

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    Doch du hast keine Ahnung. Das sieht man daran, was du schreibst.
     
  5. Hamo

    Hamo Registrierter Benutzer

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    Das ist nach meiner Meinung gefährlich vereinfachtes Halbwissen. Man weiß bis heute überhaupt nicht genau wie Depressionen entstehen. Man weiß jedoch, dass es nicht nur EINE Ursache geben kann. Viele Menschen erleben "seelische Qualen" und längst nicht alle bekommen Depressionen. Dafür gibt es viele depressive Menschen, bei denen überhaupt keine äußeren Faktoren (Qualen) erkennbar sind.
    Auch in Zwillingsstudien zeigen sich unterschiedliche Krankheitsverläufe. Eine genetische Veranlagung (die man übrigens nicht verändern kann) ist zwar längst nachgewiesen - aber auch diese führt bei gleicher "Qual" nicht automatisch zu einer Depression.
    Die Kausalkette ist also überhaupt nicht geklärt und man kann Behandlungserfolge (mit und ohne Medikamente) nur beobachten. Man kann die Wirkungsweise von verschiedenen Medikamenten zwar teilweise erklären - nur die resultierenden Auswirkungen auf die Gesundheit sind so unterschiedlich, dass am Ende wieder ein großes Fragezeichen bleibt.

    Ich bin auch der Meinung, dass in bestimmten Bereichen zu viele Psychopharmaka zu schnell verschrieben werden. Dem entgegen stehen jedoch leider viele depressive Patienten, die ganz falsche Vorstellungen von einer psychiatrischen Behandlung haben und sich gar nicht zum Arzt trauen - dabei könnte man vielen von diesen Menschen helfen. Grund sind auch manchmal Fehlinformationen über die Wirkung von Antidepressiva.

    Man kann heute den meisten depressiven Menschen helfen. Viele von denen profitieren von Antidepressiva oder anderen Therapien. Leider wirken die modernen Therapien bei ca. 20% der Patienten nicht. Warum das so ist, ist unklar. Es gibt inzwischen auch wieder vermehrt Therapien, die man nur bei extremen Fällen einsetzt (z.B. Elektrokrampftherapie oder Einsetzung eines Gehirnschrittmachers). Solchen schwerkranken Menschen, die wirklich zum letzten Strohhalm greifen, kann man sicher kaum "fehlende Achtsamkeit" oder "Faulheit, das eigene Leben zu verändern" vorwerfen.

    Mit Erfindung der modernen Antidepressiva haben sich die Suizidraten halbiert. Bis zu diesem Zeitpunkt waren diese Zahlen leider sehr stabil. Keine der bis dahin etablierten Psychotherapien oder Medikamente konnte diese Statistik signifikant beeinflussen. Der Durchbruch kam erst mit den SSRI. Das bedeutet nicht, dass man bei akuter Suizidgefahr moderne Antidepressiva geben sollte - das ist sogar in den aktuellen Leitlinien ausdrücklich NICHT empfohlen. Trotzdem scheint es langfristig (vielleicht auch präventiv) eine sehr positive Wirkung zu geben - die Datenlage ist jedoch nicht eindeutig, da man Ursache und Wirkung nicht 100%ig zuordnen kann. Die Statistik ist jedoch eindeutig. Diesbezügliche medizinische Studien sind aus ethischen Gründen fast ausgeschlossen.

    So ein komplexes Thema kann man nicht mit pauschalen Aussagen behandeln. Die Medizin ist ohnehin keine exakte Wissenschaft - es ist eine "Heilkunst". In der Schulmedizin entscheidet man nach Wahrscheinlichkeiten - und moderne Antidepressiva haben dort nach jahrzehntelanger Erfahrung einen festen Platz eingenommen. Nicht nur bei der Behandlung von Depressionen, sondern auch bei chronischen Schmerzen, bei bestimmten Kopfschmerzen, bei Reizdarm usw. . In der Liste der unentbehrlichen Arzneimittel der Weltgesundheitsorganisation findet man deswegen auch Antidepressiva - neben anderen Medikamenten (wie Prednisolon, Antibiotika, Schmerzmitteln, Hormonen usw.).

    lg hamo
     
  6. Clara07

    Clara07 Registrierter Benutzer

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    Hamo,

    das ist einmal ein Beitrag :top:

    und kann ein schöner Abschluss des Threads sein :)

    Liebe Grüße
    Clara
     
  7. eve60

    eve60 PMR Fibro

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    Tja, nun habe ich mich zum wiederholten Mal durch alle Beiträge gearbeitet und muss sagen, daß es mich schier umgehauen hat.
    Klar kennt fast jede(r) in seinem Umfeld jemanden, so wie ich meine Nachbarin, der es aber relativ gut geht.

    Mein grundsätzliches Fazit ist, daß man Antidepressiva auf gar keinen Fall verteufeln sollte. Es ist doch alles eine Frage der Schwere der Krankheit, denke ich.

    Eine andere Bekannte von mir wäre ohne "Chemie" wohl nicht mehr am Leben. Es gab/gibt bei ihr -wie sie auch selbst sagte- keinen Grund für Selbstmordgedanken, die sie aber durchaus hatte. Wir haben abends lustig zusammengesessen, am nächsten Morgen war sie nicht wiederzuerkennen. Sie hat keinen Sinn mehr im Leben gesehen. Dazu muß ich sagen, daß sie eine intakte Familie hat, trotz Rentendaseins ein ausgefülltes Leben, sie ist aktiv und ihr Gehöft ist schuldenfrei. Alles in Ordnung also.
    Und trotzdem sowas.
    Ich hatte sie, da ich nicht wußte, was los ist, zu meinem Heilpraktiker geschleift. Der hatte die Situation erkannt und eine Behandlung von zwei Seiten in die Wege geleitet. Bei ihm selbst und er hatte sie auch kurzfristig beim Facharzt unter gebracht. Hier haben Chemie und alternative Behandlung zusammengearbeitet, aber ohne Chemie wärs nicht gegangen. Glücklicherweise hat sie alles gut im Griff.

    Ich habe auch begriffen, daß man eine depressive Verstimmung von einer schweren Depression unterscheiden muß. Simpler Vergleich: Eine heftige Infektion kann man auch nicht in jedem Fall nur mit Efeu behandeln.

    Für mich gibt es da keine Zweifel; wenn es sich um eine schwere Depression handelt, sind Antidepressiva sicherlich angebracht Was dann aber der Facharzt zu entscheiden hat.

    Bei meiner Nachbarin ging es letztlich wohl hauptsächlich um eine Umstellung der Medikamentes, was jetzt auch passiert ist.

    Allgemein möchte ich noch sagen, daß ich Euch sehr dankbar bin für Eure ehrlichen Meinungen. Und ich finde es gut, daß hier nicht eingegriffen wurde. Mir war ja garnicht bewußt, was ich da lostrete. Ein solcher Disput, wie wie ihn hier führen, muß immer getragen sein von Toleranz und von dem Bewußtsein, daß eine persönliche Meinung immer auf den eigenen Erfahrungen beruht und verschiedene Menschen machen eben auch verschiedene Erfahrungen.

    Mir hat das alles hier sehr dabei geholfen, einen Blick auf die Problematik zu werfen. Mehr ist glaube ich für jemand nicht Betroffenen nicht drin.

    Aber das war sehr wichtig.

    Ich danke Euch!!! Und einen möglichst schönen Tag für Euch!!!
     
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