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Ode an das Meer

Dieses Thema im Forum "Kaffeeklatsch" wurde erstellt von Nixe, 16. Februar 2003.

  1. Nixe

    Nixe Guest

    Ode an das Meer

    Hier auf der Insel
    das Meer,
    und wieviel Meer
    bricht hervor jeden Augenblick
    aus sich selber,
    o ja, sagt es, o ja,
    o nein, o nein, o nein,
    o ja, sagt es, im Blauen,
    im Schaum, im Wogenritt,
    o nein, sagt es, o nein.
    Kann nicht ruhig verharren,
    Meer heiße ich, wiederholt es
    gegen einen Felsen schlagend,
    ohne ihn überzeugen zu können,
    dann
    mit sieben grünen Zungen,
    sieben grünen Haien,
    sieben grünen Tigern,
    sieben grünen Meeren
    umwogt es ihn, küsst ihn,
    benetzt ihn
    und schlägt,
    seinen Namen wiederholend,
    sich an die Brust.
    O Meer, so nennst du dich,
    Gefährte Ozean,
    vergeude nicht Wasser und Zeit,
    schüttle nicht so viel von dir ab,
    hilf uns,
    wir sind die winzigen
    Fischer,
    die Menschen der Küste,
    wir leiden Hunger und Kälte,
    du bist unser Feind,
    triff uns nicht so hart,
    brülle nicht dergestalt,
    tu auf deinen grünen Schrein
    und lass ihn unser
    aller Händen
    deine silberne Gabe,
    den täglichen Fisch.
    In jeder Hütte hier
    lieben wir ihn,
    sei er von Silber auch,
    Kristall oder Mond,
    für die ärmlichen Küchen
    der Erde ward er geboren.
    Bewahre ihn,
    Geiziger, nicht,
    der, ein feuchter Blitz,
    unter den Wogen
    hinschießt.
    Nun, schick dich drein,
    zu dich auf
    und lass ihn frei
    in der Nähe unserer Hände,
    hilf uns, Ozean,
    grüner, abgrundtiefer Vater,
    die Erdenarmut
    eines Tags zu enden.
    Lass uns
    ernten die Pflanzung,
    die unendliche, deiner Leben,
    deiner Saaten und Trauben,
    deiner Stiere, deiner Metalle,
    den feuchten Glanz
    und die versunkene Frucht.

    Vater Ozean, wir wissen lange schon,
    wie du heißt, alle
    Möwen verbreiten
    deinen Namen an den Gestaden:
    Nun, betrage dich gut,
    schüttle deine Mähne nicht,
    bedrohe keinen Menschen,
    zerschmettre am Himmel nicht
    dein herrliches Gebiss,
    höre auf mit den ruhmvollen Geschichten
    für einen Augenblick,
    gib jedem von uns Männern,
    jedem
    Weib und jedem Kind
    einen großen oder kleinen Fisch
    an jedem Tag.

    Fisch auszuteilen,
    geh hinaus auf alle Straßen
    der Welt,
    und dann
    rufe laut,
    rufe laut,
    dass die Armen dich hören,
    alle, die ihre Arbeit verrichten
    und sagen,
    den Kopf aus der Grube
    streckend:
    „Dort naht,
    Fisch verteilend,
    das uralte Meer.“
    Und dann kehren sie nach unten zurück,
    lächelnd in der Finsternis,
    und in Straßen
    und Wäldern
    lächeln die Menschen
    und die Erde
    ein meerhaftes Lächeln.

    Aber,
    so du es nicht willst,
    so du es nicht magst,
    warte,
    warte auf uns,
    wir werden nachdenken,
    vornehmlich aber wollen wir
    die menschlichen Fragen
    lösen,
    die wichtigsten zuerst,
    die übrigen später,
    und dann
    werden wir uns mit dir befassen,
    werden die Wogen wir mähen
    mit Messern aus Feuer,
    auf elektrischem Ross
    werden wir die Schaumhürden nehmen,

    singend,
    bis wir den Grund deines Innern
    berühren,
    werden wir untertauchen,
    automares Garn
    wird deine Hüfte umhüten,
    in deinem abgründigen Garten
    werden Gewächse
    wir pflanzen
    von Stahl und Zement,
    werden wir
    Hände und Füße dir binden,
    auf deiner Haut werden die Menschen,
    Blitze schleudern, lustwandeln,
    Traubengebilde ernten,
    Fischereigeräte errichten,
    dich zügeln und auf dir reiten,
    deine Seele bezwingend.
    Dies aber wird geschehen, wenn
    die Menschen
    geregelt haben
    unser Problem,
    das große,
    das große Problem.
    Alles werden wir ordnen,
    nach und nach:
    Dich, Meer werden verpflichten wir,
    dich, Erde, werden verpflichten wir,
    Wunder zu vollbringen,
    denn in uns selber,
    im Kampf
    sind beschlossen Fisch und Brot,
    ist das Wunder.

    (Pablo Neruda)