FARA schrieb:
Wenn mein zukünftiges Leben darin besteht mir Zellzerstörende Mittel zugeben und meine Lebensqualität damit zu senken, ist es da nicht besser die Krankheit als solche anzunehmen? Im Moment glaube ich, lieber noch drei Jahre richtig Leben, als zehn Jahre mit Zellzerstörung und seinen Nebenwirkungen.
Guten Morgen Fara,
mit deinen Überlegungen und Ängsten stehst du ganz sicher nicht alleine. Jeder muss für sich eine Entscheidung treffen - und selbst eine Aspirin zu schlucken, sollte man sich sorgfältig überlegen, denn es ist ein Eingriff in den Körper, der niemals leichtfertig sein sollte.
Ich kann dir nur kurz meine Überlegungen (ich mochte in meinem bisherigen Leben keine Ärzte und schon gar keine Medikamente) darlegen. Ich war bis ich 43 war, stets kerngesund, bis auf zwei Bandscheibenvorfälle, dich ich durch Kranken-Gymnastik gut im Griff hatte.
Als ich, etwa zwei Monate nach Auftreten der ersten heftigen Schmerzattacken, die Diagnose "Rheuma" bekam, hatte ich schon die Nase voll vom Schmerz - ich bin da nicht sehr belastbar, was diese totale Hilflosigkeit im Schub betrifft ... Ich las sehr viel und fand heraus, dass Rheuma in der Regel keine tödliche Krankheit ist - das Immunsystem ist gestört und führt Krieg gegen den eigenen Körper - in meinem Fall ging die Aggression meines Immunsystems gegen meine Gelenke. "Gelenkfraß" - um es krass auszudrücken - wäre die Folge dieser Entzündungskriege in mir. Ich habe Bilder gesehen von Menschen, deren Hände total verkrüppelt waren und deren Leben sich nur noch mit dem Schmerz beschäftigt ... Und man kann lange leben mit Rheuma - sehr lange.
Deshalb sehe ich es genau umgekehrt wie du. Lieber ein kürzeres Leben (so es denn stimmt) ohne Schmerz, als ein längeres mit Schmerz. Wobei nicht zu vergessen ist, das steter Schmerz sehr viel kränker machen kann, als die Ursache desselben.
Es gibt Studien die sagen, dass ein Rheumi mit Medis genau so lange lebt wie ohne Medis - wobei ich das kaum glauben kann - wie sollten solche Studien möglich sein? Viele Medikamente gibt es erst seit ein paar Jahren ... wobei aber MTX zu den ältesten gehört. Ich meine gelesen zu haben, dass es um 1960 auf den Markt kam.
Für mich war auf jeden Fall klar: ich muss mich eilen. Viele aktuelle Studien weisen darauf hin, dass es eine Chance gibt, Rheuma im Anfangsstadium zu stoppen und vor allem:
die Schädigung der Gelenke erstmal zu verhindern ... Also hab ich mich geeilt! Mein Ziel war, so schnell wie möglich diese Basis zu bekommen - natürlich nur wenn der Rheumadoc dies auch für sinnvoll hält.
Und jetzt warte ich es quasi ab - der erste Schritt ist getan. Wie es weitergeht, weiß ich nicht. Aber im Moment bin ich mich zufrieden, das MTX hilft mir und ich bin vom Cortison wieder los, und das ist ja keine Selbstverständlichkeit.
Ich habe natürlich mein Leben etwas umgestellt. Ich bin ein Faultier - "Sport ist Mord" war stets meine Devise. Das hat sich etwas geändert. Durch meine Physiotherapeutin habe ich gelernt, wie und vor allem, dass ich mich bewegen muss, damit es meinem Körper gut geht, dass er mehr Kraft hat, die Zipperleins im Griff zu halten. Ich habe begriffen:
Ich muss selbst aktiv was tun. Also gehe ich schwimmen - das einzige was mir Spaß macht und dazu noch gelenkschonend ist. Und dann noch spazieren - sonntags oft wandern über Stock und Stein, quer durch die Wälder. Es ist einfach herrlich und ich bin so froh, dass ich das noch kann!
Und ich habe meine Ernährung noch bewusster gestaltet. Eben weil ich auf der einen Seite dem Körper diese medizinischen Gifte zumute, muss ich auf der anderen Seite viel Gutes für ihn tun, und darf ihn nicht vernachlässigen. Und ich muss schauen, dass ich ihn nicht mit zuviel Gewicht belaste - die Bewegungseinschränkung und die Medikamente fördern leider Übergwicht. Ich bin also im steten Kampf U80 zu bleiben.
Die Kraft der positiven Gedanken ist enorm - und der negativen ebenso.
Du solltest dich nicht nur mit den negativen Seiten der Medis beschäftigen Fara, sondern auch mit den negativen Seiten deiner Immunerkrankung ...
Herauszufinden, warum dein Körper sich selbst bekriegt - das wäre natürlich toll. Doch wie anstellen? Ein langes Gespräch mit meinem auch etwas esotherisch angehauchten Hausdoc ergab, dass rheumatische Erkrankungen sehr viel mit Angst und Aggression zu tun haben. Sagt er. ich solle das mal überdenken.
Nun ja, in der heutigen Zeit ist es schwierig, keine Angst zu haben. Die Zukunftsvisionen sind oft ziemlich düsterlich und wenn man da noch ein bisschen pessimistisch ist ... und nicht auf den Kopf gefallen. Ja, da kann man schon Angst haben. Und dem Ganzen, dieser Willkür, auch noch hilflos ausgeliefert zu sein, macht schon sehr aggressiv.
Für mich heißt das, den kleinen Frieden in mir selbst zu finden, damit ich besser leben kann.
So, dies war mein Wort zum Freitag ...
Schööönen Urlaub!
Rosarot