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Groß-oder kleinschreibung?
hallo zusammen,
bin erleichtert, dass er hier offensichtlich noch mehr leute gibt, die die generelle kleinschreibung bevorzugen
mir geht es nämlich ebenso, zum einen bin ich es so gewohnt, da ich in meinem job beinahe ausschließlich in englisch korrespondiere und da schreibt man beinahe alles klein und ausserdem habe ich neuerdings einfach zu wenig kraft in den fingern (speziell den kleinen) um damit die umschalttaste zu bedienen.
liebe grüße,
angel
Unsere Sprache
Was zum lesen und schmunzeln ??
Sind Antibiotikas schädlich? Lohnen sich Praktikas? Was man nicht selber
weiß, das muss man sich erklären. Oder man schlägt's im Lexika nach. Viele
kennen sich im Einzelfall nicht aus, und erst recht nicht mit der Mehrzahl.
Neulich im Café, Mutter und Tochter bringen sich bei Schokosahnetorte mit
Schlag (Mutter) und Vollkorn-Möhrenkuchen (Tochter) auf den neuesten Stand
der Dinge. Die Mutter löst vier Stück Würfelzucker in ihrem Tee auf und
sagt: "Ach, ihr wollt in die Türkei? Na ja, machen ja viele in letzter Zeit.
Die Hotels sollen ja auch ganz anständig sein. Und dieses Jahr ist ja sogar
der Grang Pricks in Istanbul. Zum Glück hat dieser Max gewonnen. So ein
netter junger Mann! Nicht auszudenken, wenn sie diesen blondierten
Brüllaffen dahingeschickt hätten! Aber sag mal, Kleines, die Türkei ist ja
nicht EU, braucht ihr denn da keine Visas?"
Da war es wieder, dieses Wort mit der doppelten Pluralendung. Nicht erst
seit PISA leidet Deutschland am Visa. Die massive Werbung der gleichnamigen
Kreditkarte hat offenbar dafür gesorgt, dass die Einzahl Visum weiträumig in
Vergessenheit geraten ist. So steht dem "Veni, vedi, vici!" (Ich kam, sah
und siegte) des humanistisch gebildeten Einzelfalls heute das "Visums,
Visas, Visi?" der orientierungslosen Mehrheit gegenüber.
Ganz betroffen sind wir auch von all den vielen "Praktikas", die junge
Menschen heute absolvieren müssen, um herauszufinden, was sie später
definitiv nicht machen wollen. Und richtig schlimm wird's, wenn jemand
Firmeninternas ausplaudert.
Kann man es den Deutschen aber überhaupt zum Vorwurf machen, wenn sie
Fremdwörter falsch benutzen? Immerhin hat Mutti im Café doch gewusst, dass
man an Wörter, die mit einem Vokal enden, ein -s anhängen muss, um die
Mehrzahl zu bilden. So wie bei Kitas, Galas, Omas, Pizzas und Zebras. Woher
soll sie wissen, dass die Endung -a in diesem Fall bereits die Pluralform
markiert? Muss man das kleine Latinum gemacht haben, um mitreden zu können?
Der Umgang mit Fremdwörtern stellt die Deutschen immer wieder vor große
Herausforderungen. Erstens gilt es in Erfahrung zu bringen, was das fremde
Wort genau bedeutet: (Visum = Ein- oder Ausreiseerlaubnis, Sichtvermerk im
Reisepass). Dann ist es nützlich zu wissen, wie man es richtig ausspricht
("Wiesumm"). Und schließlich soll man es noch korrekt beugen und in die
Mehrzahl bringen können: des Visums, mit den Visa oder Visen&
Schon gibt es Menschen, die meinen, das Visa-Prinzip begriffen zu haben, und
sich anschicken, andere Begriffe nach demselben Prinzip in die Mehrzahl zu
wuchten: Da werden aus einem "Universum" plötzlich mehrere "Universa". So
heißen vielleicht Sportvereine und Versicherungen, aber der korrekte
(lateinische) Plural ist immer noch "Universi". Und auf Deutsch spricht man
nach wie vor von Universen, daran hat sich auch durch die Rechtschreibreform
nichts geändert.
Und dann gibt es Menschen, die sich immer wieder freiwillig in die Quadratur
des Kreises verbeißen, indem sie versuchen, von ohnehin schon unbequemen
Fremdwörtern auch noch die Mehrzahl zu bilden.
"Wie lautet der Plural des Wortes Lapsus?", will ein Kollege von mir wissen,
"Lapsi? Lapsusse?" Da ich weiß, dass ihn die Antwort nicht zufrieden stellen
wird, empfehle ich ihm, es mit einem anderen Wort zu probieren. "Dann nehme
ich Fauxpas", sagt er, "wie lautet da die Mehrzahl?"
Ähnlich harte Nüsse haben Menschen aus der IT-Branche zu knacken, die immer
wieder aus heiterem Himmel in Notsituationen geraten, in denen sie Wörter
wie Status und Modus in die Mehrzahl zwängen wollen.
Der Plural des lateinischen Wortes status lautet status, mit langem u. Und
die deutsche Sprache sieht keine anders lautende Nebenform vor. Also: zwei
Status, wie auch zwei Lapsus.
Der Drang der deutschen Zunge, an die Endung noch ein -se anzuhängen, ist
kaum zu bezähmen. So gibt es im gesprochenen Deutsch jede Menge "Lapsusse"
und "Statusse", die nicht mit dem Lateinischen konform gehen, aber immerhin
in Analogie zu einem berühmten Fall aus der Pflanzenwelt gebildet scheinen:
Kaktus, Kaktusse.
Sagte ich gerade Kaktusse? Es heißt natürlich Kakteen, wie jeder weiß. Mit
den Analogien ist das so eine Sache. Im Moment blühen übrigens gerade die
Krokeen - ganz entzückend sieht das aus, diese vielen kleinen orangenen und
violetten Blüten...
Status und Lapsus gehören übrigens in eine Reihe lateinischer Lehnwörter,
die zwar im Singular auf -us enden, im Plural dann aber wider Erwarten
kein -i bekommen. Das Lateinische unterscheidet fünf Deklinationstypen, und
am tückischsten ist der vierte, die so genannte u-Deklination. Zu ihr gehört
auch der Passus und der Turnus.
Ein angehender Medizinstudent wollte von mir wissen, wie die Mehrzahl von
Exitus lautet. "Als Arzt muss man doch - leider - auch immer mal den Exitus
eines Patienten feststellen. Wenn man nun mehrere 'Exitusse' benennen will,
wie sagt man dann richtig: Exiti?" - Nein, antwortete ich ihm, Exiti heißt
es nicht, auch nicht Exits, das sind die Ausgänge im Englischen. Tatsächlich
zählt Exitus zur Gruppe der unzählbaren Hauptwörter, also zu jenen, von
denen sich gar keine Mehrzahl bilden lässt. Der Plural von Exitus lautet
Todesfälle, sagte ich. Das klingt zwar nicht so gelehrt, wie es die
Mediziner lieben, aber dem Tod ist es egal, ob man ihn auf Deutsch oder
Lateinisch anredet.
Ein anderer Leser fragte mich, wie der Plural von "Chaos" heiße. Noch so ein
unzählbarer Fall: Kann es mehr als ein Chaos geben? Ja, schrieb er mir
zurück, das Chaos auf seinem Schreibtisch im Büro und das bei ihm zu Hause,
das wären schon mal zwei. Und wenn man sich ein bisschen umblickte, würde
man bestimmt noch weitere finden. Eine Mehrzahlform für Chaos sieht unsere
Sprache trotzdem nicht vor.
Damit zurück ins Café. Dort ist die Mutter inzwischen beim dritten Stück
Torte und ihrem Lieblingsthema Gesundheit angelangt. "Ich war gestern beim
Arzt," stöhnt sie, "der hat mir wieder ein Antibiotika verschrieben. Dabei
ist doch genug davon im Schweinefleisch. Die pumpen die armen Viecher doch
voll mit ihren Pharmakas." Die Tochter, ernährungsbewusste Chemielaborantin,
blickt ihre Mutter voller Mitleid an und sagt: "Es heißt Pharmaka. Und
Antibiotikum. Antibiotika ist die Mehrzahl!" - "Mehr zahlen muss ich
außerdem dafür", erwidert die Mutter und setzt noch einen beliebten Plural
oben drauf: "Ganze zehn Euros!"
Es gibt mehr davon
Link : http://www.spiegel.de/kultur/zwiebelfisch/0,1518,332092,00.html