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Das Gericht der Tiere

Dieses Thema im Forum "Kaffeeklatsch" wurde erstellt von Vampi, 21. Januar 2008.

  1. Vampi

    Vampi Kieler Sprotte

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    Buxtetown am Esteriver :-)
    Meine lieben Roler!

    Meine Mama hat mir ein Buch geschenkt, aus dem ich ab und an mal etwas quer lese. Heute habe ich eine schöne Geschichte gelesen, die ich gerne mit euch teilen möchte. Ich hoffe ich habe beim Tippen nicht zu viele Fehler gemacht. Falls doch, bitte verzeiht, es ist schon spät :rolleyes:
    Ich wollte diese Geschichte eigentlich in ein bestimmtes Posting hier bei RO einfügen, habe mich dann aber doch entschlossen es extra zu machen.
    Es kann ja nicht jeder was mit Märchen anfangen ;)

    Viele liebe Grüße und eine ruhige Nacht wünscht

    Julia


    Das Gericht der Tiere

    Es war einmal ein Mann, der hatte eine kleine Kate am Waldrand und einen Acker dabei.
    Aber er hatte nicht viel Glück im Leben; er war jemand der zu viel über die Gerechtigkeit dieser Welt nachdachte, stritt sich mit groß und gering, mit Tieren und unirdischen Wesen sogar und wollte jedes Unrecht, das getan wurde, bis zum letzten verfolgen, ohne dass er dabei selbst das Recht seines Lebens gefunden hätte.

    So kam es, dass er schließlich seine Hütte verlassen musste, da sein Weib von ihm ging.
    Einsam floh er in den Wald, wo er sich von der Jagd und Wurzelsuchen am Leben hielt, am Ende sogar die Wanderer überfiel.
    Er meinte, dass alles Leben schlecht sei, und dass er sich an allen rächen müsse. Niemand ließ ihn bisher dafür büßen.
    Vor den Häschern verbarg er sich, die Unirdischen des Waldes lachten, wenn die Menschen sich untereinander Böses antaten, und die Tiere wagten nicht ihn zu verfolgen. Er war noch zu stark für sie und ihnen an Kräften über. Endlich, als sein Haar schon ergraut war, wurde er siech und schwach. Da glaubten die Tiere ihre Zeit gekommen, luden ihn vor ihr Gericht, und der Mann musste dem folgen.

    Es gibt, das wisst ihr wohl, in jedem Frühling und in jedem Herbst und in jedem Wald und Hain Gerichtstage der Tiere, an denen neun von ihnen sich versammeln, um die Klagen von groß und Klein anzuhören. Das war auch in dem wilden Dickicht der Fall, in dem der vertriebene Mann hauste.
    Unter einer weit ausladenden Buche luden die Herren ihn – Hund und Hase, Specht und Rehbock, Dachs und Igel, Molch und Eidechse –
    wie sie gewählt waren.

    Nun wollte sich an jenem Tag auch Frau Holles schwarze Katze, die als neunte zu den Geschworenen gehörte, rechtzeitig in den Wald begeben. Ihre Herrin sah, dass sie sich putze, und fragte wohin sie wolle.
    Da sagte sie es ihr. Die schöne Frau Holle aber wurde begierig, solches Gericht einmal anzuhören. Die weise Frau ließ sich den Pelz ihrer Katze geben, tat ihn um und ging selbst an deren statt.

    Als nun die Stunde gekommen war und die Gerichtsboten die Schellen geläutet hatten, wurde als erster der Fuchs aufgerufen, gegen den viele Klagen erhoben waren. Aber Reineke wusste sich gut zu verteidigen.
    Sein Beruf zwänge ihn zu manchen Dingen, sagte er, die ihm selbst unlieb seien. Solle er indes Weib und Kind verhungern lassen?
    Und er fragte die Zeugen so verwirrend, dass sie unsicher wurden und die Tiere ihn wieder laufen lassen mussten.

    Danach kam der kranke Mann, von dem ich erzählt habe. Auf den waren die Richter besonders zornig. Er hatte ihnen Jahre hindurch viel Böses angetan, und ebenso leid war es ihnen um die Menschen, die er verfolgt hatte.
    Der Mann aber, das sagte ich schon, war ein Rechthaber, der sich nicht anklagen ließ, ohne selbst anzuklagen. Und er rief mit lauter Stimme den Rehbock an: „Warst du es nicht“, fragte er „der mir mein junges Korn abweidete, so dass ich kaum genug zur neuen Einsaat erntete?
    Wie willst du über mich richten? Ach, so sanftmütig du tust, du hast schuld, dass ich so geworden bin!“

    „Und du“, sagte er zu dem Dachs, „hast du nicht mein Feld unterwühlt, dass mein Kohl vertrocknete und gelb auf der Erde lag?“
    „Und du“, fuhr er den Hasen an, „hast du nicht Kraut und Saat abgeäst, so dass wir hungerten und mein Weib mich verließ?
    Schlecht seid ihr alle, keiner hat mir je Gutes getan. Was wundert ihr euch, dass ich so mit euch umging, wie ihr mit mir?
    Ist es nicht das gleiche, den Nächsten mit offener Gewalt zu berauben, wie ihn so arm zu machen, dass er vor Hunger in Verzweiflung fällt?“

    „Jedermann hat Schlimmes und Gutes erfahren“, mahnte Frau Holle in Gestalt ihrer schwarzen Katze. „Du hast auch Gutes erfahren, Fremder, aber es ist die Art der Menschen, das zu vergessen.“
    Was er je Gutes erfahren habe, wollte der Mann wissen.
    „Hast du nie gesehen, wie grün die Bäume wachsen und wie fröhlich der Wind durch den Morgen braust?“
    Nein, der Grimmige wusste nichts davon, er hatte Tag und Nacht über sein Recht gegrübelt und geklagt.
    „Hast du nie den Schall der Vögel gehört?“ fragte es aus den Zweigen. „Ist das nicht das Schönste, was den Menschen geschenkt ist?“
    Nein, der Mann hatte keine Zeit gehabt, darauf zu lauschen. Er hatte an seine Vergeltung gedacht, da war sein Weib von ihm gegangen.
    „Hast du niemals das Frauenspiel auf den Wiesen gesehen?“ horchte die, welche im Kleid der Katze verborgen war.

    „Ach“ sagte der Mann, „in einer Nacht habe ich Frau Holle wohl vorbeifahren sehen, aber sie achtete meiner nicht, so elend und armselig schien ich ihr.“
    Als der Mensch mit dem ungeschnittenen Bart und dem verfallenen Antlitz so müde seines Lebens vor ihnen stand, als er immer noch haderte,
    dass Gottes Wille ungerecht sei und nichts von dem schönen Wesen der Frühe und der Späte spürte, da wäre beinahe das Mitleid über die Tiere gekommen. Aber sie dachten auch an alles Unheil, das er verübt hatte,
    und sahen einander an, um zu einem Spruch zu gelangen.

    Nun war Frau Holle durch den Sinn gegangen, dass sie wirklich einmal an jenem wilden Gesicht vorrübergefahren war, und es reute sie, dass sie des Menschen Einsamkeit nicht gelindert hatte, wie es ihr gütiger Auftrag von Gott ist. Sie warf deshalb das Kleid der Katze ab und trat auf den Verlassenen zu. Und eh jemand Einspruch erheben konnte, strich sie ihm über die Stirn:
    „ So schenke ich dir, bevor du den letzen Spruch zu erdulden hast,
    ein anderes Leben. Vielleicht, dass du es besser zu wandeln vermagst.“
    Sie lächelte, während der Mann betäubt vor ihr niederfiel, in sein Herz hinein, um ihm Freunde mitzugeben, von jener Freunde, die wohl vergessen war,
    als er seiner Mutter Schoß verließ.

    Und wo eben noch der kranke Mann gehadert hatte, stand ein Knabe, der verwundert um sich blickte, nichts von dem wusste, was hinter ihm lag,
    und nur mit Erstaunen auf die Tiere schaute, die ihm zunickten – ein Knabe, dessen Blick mit dem letzten Licht der Verwandlung noch Frau Holles Lächeln fing, das ihn fröhlich zu neuem Suchen und zu den Wegen mitleidiger Menschen heimschickte.



    (Aus dem Buch: Katzen-Märchen, Brauchtum, Aberglaube von Sigrid Früh und Ulrike Krawcyk)