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Ballade von den Seeräubern

Dieses Thema im Forum "Kaffeeklatsch" wurde erstellt von Nixe, 26. Januar 2003.

  1. Nixe

    Nixe Guest

    Ballade von den Seeräubern

    Von Branntwein toll und Finsternissen!
    Von unerhörten Güssen naß!
    Vom Frost eiskalter Nacht zerrissen!
    Im Mastkorb, von Gesichten blaß!
    Von Sonne nackt gebrannt und krank!
    (Die hatten sie im Winter lieb)
    Aus Hunger, Fieber und Gestank
    Sang alles, was noch übrig blieb:
    Oh Himmel, strahlender Azur!
    Enormer Wind die Segel bläh!
    Laßt Wind und Himmel fahren! Nur
    Laßt uns um Sankt Marie die See!
    Kein Weizenfeld mit milden Winden
    Selbst keine Schenke mit Musik
    Kein Tanz mit Weibern und Absinthen
    Kein Kartenspiel hielt sie zurück.
    Sie hatten vor dem Knall das Zanken
    Vor Mitternacht die Weiber satt:
    Sie lieben nur verfaulte Planken
    Ihr Schiff, das keine Heimat hat.
    Oh Himmel, strahlender Azur!
    Enormer Wind die Segel bläh!
    Laßt Wind und Himmel fahren! Nur
    Laßt uns um Sankt Marie die See!

    Mit seinen Ratten, seinen Löchern
    Mit seiner Pest, mit Haut und Haar
    Sie fluchten wüst darauf beim Bechern
    Und liebten es, so wie es war.
    Sie knoten sich mit ihren Haaren
    Im Sturm in seinem Mastwerk fest:
    Sie würden nur zum Himmel fahren
    Wenn man dort Schiffe fahren läßt.
    Oh Himmel, strahlender Azur!
    Enormer Wind die Segel bläh!
    Laßt Wind und Himmel fahren! Nur
    Laßt uns um Sankt Marie die See!

    Sie häufen Seide, schöne Steine
    Und Gold in ihr verfaultes Holz
    Sie sind auf die geraubten Weine
    In ihren wüsten Mägen stolz.
    Um dürren Leib riecht toter Dschunken
    Seide glühbunt nach Prozession
    Doch sie zerstechen sich betrunken
    Im Zank um einen Lampion.
    Oh Himmel, strahlender Azur!
    Enormer Wind die Segel bläh!
    Laßt Wind und Himmel fahren! Nur
    Laßt uns um Sankt Marie die See!

    Sie morden kalt und ohne Hassen
    Was ihnen in die Zähne springt
    Sie würgen Gurgeln so gelassen
    Wie man ein Tau ins Mastwerk schlingt.
    Sie trinken Sprit bei Leichenwachen
    Nachts torkeln trunken sie in See
    Und die, die übrig bleiben, lachen
    Und winken mit der kleinen Zeh:
    Oh Himmel, strahlender Azur!
    Enormer Wind die Segel bläh!
    Laßt Wind und Himmel fahren! Nur
    Laßt uns um Sankt Marie die See!

    Vor violetten Horizonten
    Still unter bleichem Mond im Eis
    Bei schwarzer Nacht in Frühjahrsmonden
    Wo keiner von dem andern weiß
    Sie lauern wolfgleich in den Sparren
    Und treiben funkeläugig Mord
    Und singen um nicht zu erstarren
    Wie Kinder, trommelnd im Abort:
    Oh Himmel, strahlender Azur!
    Enormer Wind die Segel bläh!
    Laßt Wind und Himmel fahren! Nur
    Laßt uns um Sankt Marie die See!

    Sie tragen ihren Bauch zum Fressen
    Auf fremde Schiffe wie nach Haus
    Und strecken selig im Vergessen
    Ihn auf die fremden Frauen aus.
    Sie leben schön wie noble Tiere
    Im weichen Wind, im trunknen Blau!
    Und oft besteigen sieben Stiere
    Eine geraubte fremde Frau
    Oh Himmel, strahlender Azur!
    Enormer Wind die Segel bläh!
    Laßt Wind und Himmel fahren! Nur
    Laßt uns um Sankt Marie die See!

    Wenn man viel Tanz in müden Beinen
    Und Sprit in satten Bäuchen hat
    Mag Mond und zugleich Sonne scheinen:
    Man hat Gesang und Messer satt.
    Die hellen Sternennächte schaukeln
    Sie mit Musik in süße Ruh
    Und mit geblähten Segeln gaukeln
    Sie unbekannten Meeren zu.
    Oh Himmel, strahlender Azur!
    Enormer Wind die Segel bläh!
    Laßt Wind und Himmel fahren! Nur
    Laßt uns um Sankt Marie die See!

    Doch eines Abends im Aprile
    Der keine Sterne für sie hat
    Hat sie das Meer in aller Stille
    Auf einmal plötzlich selber satt.
    Der große Himmel, den sie lieben
    Hüllt still in Rauch die Sternensicht
    Und die geliebten Winde schieben
    Die Wolken in das milde Licht.
    Oh Himmel, strahlender Azur!
    Enormer Wind die Segel bläh!
    Laßt Wind und Himmel fahren! Nur
    Laßt uns um Sankt Marie die See!

    Der leichte Wind des Mittags fächelt
    Sie anfangs spielend in die Nacht
    Und der Azur des Abends lächelt
    Noch einmal über schwarzem Schacht.
    Sie fühlen noch, wie voll Erbarmen
    Das Meer mit ihnen heute wacht
    Dann nimmt der Wind sie in die Arme
    Und tötet sie vor Mitternacht.
    Oh Himmel, strahlender Azur!
    Enormer Wind die Segel bläh!
    Laßt Wind und Himmel fahren! Nur
    Laßt uns um Sankt Marie die See!

    Noch einmal schmeißt die letzte Welle
    Zum Himmel das verfluchte Schiff
    Und da, in ihrer letzten Helle
    Erkennen sie das große Riff.
    Und ganz zuletzt in höchsten Masten
    War es, weil Sturm so gar laut schrie
    Als ob sie, die zur Hölle rasten
    Noch einmal sangen, laut wie nie:
    Oh Himmel, strahlender Azur!
    Enormer Wind die Segel bläh!
    Laßt Wind und Himmel fahren! Nur
    Laßt uns um Sankt Marie die See!

    Bertolt Brecht