Hallo Josefine,
meine Frau meint, dass ich Dir ein paar Zeilen schreiben sollte.
Ich habe ein Dental-Labor, und bin mit der Problematik in der
Totalprothetik vertraut, allerdings kann und darf ich mich nicht zu ärztlichen und hier vor allem auch zahnärztlichen Diagnosen
äußern.
Bei Rheumapatienten findet der Behandler sicherlich ganz andere
Voraussetzungen für das sogenannte Prothesenlager vor, als bei einem Patienten, bei dem sich die Gewebesubstanz(Knochen und
Deckgewebe), nicht so verändert durch Medikamenteneinflüsse.
Grundsätzlich ist es jedoch bei jedem Patienten ein Problem, im
Unterkiefer einen Totalersatz zum Halten zu bekommen, vor allem
dann, wenn der Kieferknochen sich stark zurückgebildet hat, da
die bewegliche Mundbodenmuskulatur im Unterzungenraum den Sitz
der Prothese stets beeinflußt. Hier müssen dann diese Unterzungenräume sowie die Kieferäste im hinteren Bereich genutzt
werden um mit Hilfe von Haftmitteln( Haftcreme) ein einigermaßen befriedigendes Ergebnis zu erzielen.
Einige technische Bemerkungen zur totalen Unterkiefergestaltung:
korrekte Zahnaufstellung vorausgesetzt:
1. balancierte Occlusion
2. sublingualrolle
3. retrale Kieferäste zwecks mechanischem Halt nutzen(falls ausgeprägt-meist jedoch Schmerzen verursachend, da in diesem Bereich das Deckgewebe nur dünn den Kieferknochen bedeckt-Folge
sind Wundreiben).
4. Vestibulärräume nutzen
5. Mundringmuskelstütze buccal ausarbeiten
Um ein befriedigendes Ergebnis zu erzielen, solltest Du vielleicht doch nochmal einen Implantologen-Kiefer-Gesichtschirurgen( zwecks setzen von Implantaten) zu Rate ziehen.
Im Oberkiefer sieht die Sache meistens ganz anders aus bei einem
Totalersatz. Hier kann man einen Totalersatz zum Saugen bekommen(entschuldige diesen Fachausdruck) und somit zu gutem Halt verhelfen. Im Oberkiefer hast Du den harten Gaumen( keine bewegliche Bodenmuskulatur wie im Unterkiefer). Außerdem wird hier der Übergang vom harten zum weichen Gaumen für den Halt des Totalersatzes genutzt(befindet sich bei den Nasenaustrittslöchern im hinteren Gaumenbereich, entlang bis zum hinteren Kiefer).
Es gibt allerdings auch hier Problemfälle für das Prothesenlager(ein zu flacher Gaumen, sowie den sogenannten Schlotterkamm, zu stark zurückgebildeter Kieferknochen-wobei hier relativiert werden muß, sofern ein ausgeprägter Gaumen vorzufinden ist).
technisch gilt auch hier bei vorausgesetzter korrekter Zahnaufstellung und korrekter Kieferabformung durch den Behandler:
1. Nutzung der Vestibulärräume
2. korrekte Radierung hinter dem harten Gaumen(A-linie)
3. Mundringmuskelstütze buccal
4. keine Eckzahnführung und balancierte Occlusion
5. torus palatinus unterlegen( in Ausnahmefällen, darauf evtl. verzichten)
Keine sonstigen Radierungen oder Sauger einarbeiten lassen( hier
berühre ich evtl. medizinische Fachkompetenz- was sich jedoch nicht immer vermeiden läßt).
Bevor ich auf die kosmetischen und phonetischen Probleme eingehe,
noch ein paar technische Anmerkungen hinsichtlich einer korrekten
Bißführung( evtl. Privatleistung).
1. Da Dir erst gerade die Zähne entfernt wurden, gehe ich davon aus, dass Du eine Sofortversorgung (Immediatprothesen) erhalten hast. Diese tragen neben der Kosmetik zur besseren Wundheilung bei, sollten jedoch nur eine provisorische Versorgung Darstellen,
da dieser Ersatz ohnehin demnächst unterfüttert werden müßte, da
sich das Gewebe weiter abbaut(athrophiert).
2. wenn dann nach der Abheilung der endgültige Ersatz gefertigt wird, sollte vom Behandler folgendermaßen vorgegangen werden:
a) Abdrücke für die Fertigung individueller Abdrucklöffel
b) nach Abdrucknahme mit diesen Abdrucklöffeln- Fertigung von Vorbißnahmen
c) Nach der Vorbißnahme durch den Behandler, Fertigung von Bißplatten für ein Pfeilwinkelregistrat( dieses Registrat halte ich bei der Fertigung eines Zahnersatzes ohne Stützzonen für unverzichtbar)
d) evtl. den Gesichtsbogen anlegen lassen, damit der Techniker
das Oberkiefermodell lagerichtig in den sogenannten Artikulator
setzen kann( dies ist ein Gerät, indem die Unterkieferbewegungen
nach Vorgabe von Mittelwerten durchgeführt werden können.
Bei der Bißnahme durch den Behandler gibt dieser dem Techniker
Informationen bezüglich der Zahnform,-länge,-größe, indem er die
Gesichtsmitte( meist übereinstimmend mit dem oberen Lippenbändchen), die Lachlinie( wichtig für die Zahnlänge), die
Eckzahnlinie( meist Mundwinkelbereich) sowie die wichtige Lippenschlußlinie( Anhaltspunkt für die Länge der Unterkieferfrontzähne) auf der Bißnahme markiert. Mit dem Pfeilwinkelregistrat stellt er ferner die Bißhöhe ein( Kieferrelation). Sie sollte so eingestellt sein, dass später beim Zubeißen die Lippen nicht gepresst werden, zum Einen, zum Anderen, dass sich die Lippen nicht öffnen, wenn die Zahnreihen sich nicht berühren, der sogenannten Ruheschwebelage( Muskeltonus). Dies muß unbedingt möglich sein, da sich der Kaumuskel entspannen muß(zur Kontrolle Markiert der Behandler die eingestellte Kieferrelation an Kinn und Nasenspitze mit zwei
Punkten(abwaschbar) um die Bißhöhe zu messen.
Phonetik:
Kosmetisch dürften somit keine Probleme auftauchen( Bei normalem
Biß-eugnathem Biß), leichte Kieferfehlstellungen die zu einem
Unterkiefervorbiß(Progenie) oder Oberkiefervorbiß(Prognathie) führen, können durch die Zahnaufstellung ebenfalls ausgeglichen werden, sodass in manchen Fällen auch ein positiveres kosmetisches Ergebnis erzielt werden kann.
Technisch:
Eine Kreuzbißzahnstellung sollte nach Möglichkeit vermieden werden.
Der Techniker muß nun dafür sorgen, dass dem Patienten die ungewohnte prothetische Versorgung so angenehm wie möglich gefertigt wird, was auch Einfluss auf die Phonetik haben kann.
Nach frischen Wunden hat der Techniker meist wenig Platz für eine
korrekte Frontzahnaufstellung. Sind diese abgeheilt und kommt es dann zur endgültigen Versorgung, gibt es bei der Frontzahnaufstellung, die zu phonetischen Störung führen kann(wie auch der schlechte Prothesensitz), einige Anhaltspunkte.Die Einen sind die Markierungen durch den Behandler. Ein Anhaltspunkt
( bei normalem Biß) ist Folgender: Wenn man den fffff-Laut spricht(lang sprechen)sollten die oberen ersten Frontzähne(Einser)die Unterkieferlippe berühren. Beim sssss-Laut sollte die Zungenspitze die hinteren Schneidekanten der unteren Front- Zähne berühren.
Ansonsten ist ein Zahnersatz ein Fremdkörper der akzeptiert werden muß, sodass auch phonetische Störungen, bei korrekter
Ausführung nicht auftreten müssen.
Jetzt habe ich Dir viel geschrieben. Ich hoffe dass ich Dir ein wenig helfen konnte. Wenn Dir niemand weiterhelfen will, sollte man vielleicht auch den Weg zum Gutachter(über die Krankenkasse zu erfahren) nicht scheuen.
Zusammenfassend:
Behandler
1. Immediatversorgung nur provisorisch
2. endgültiger Ersatz nach Wundheilung(ca.4-6 monate)
3. Pfeilwinkelregistrat, Markierungen für den Techniker
(auch Lippenfülle, Lippenrot)
4. Bißnahme auf Modellen fertigen lassen nach individueller Abdrucknahme
Techniker
Zahnstellung beachten(Kreuzbißvermeidung, Frontzahnstellung)
evtl. solltest Du ins Labor gehen(ffff+ssss-Laut)
2. balancierte Occlusion, keine Eckzahnführung
3. Unterkiefer- Geweberäume nutzen, Mundringmuskelstütze
4. Oberkiefer- A-linie, Mundringmuskelstütze, Vestibulärräume nutzen
Patient
Nach korrekter prothetischer Versorgung der neuen Situation Zeit
geben
2. Nachsorge-Kontrolltermine Beachten( Unterfütterungen ca.1x pro Jahr)
Viele Grüße
Reinhold
P.S. Demnächst Internet www.Zahnprothesen-online.de