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Good old times ;o) - Disco

Dieses Thema im Forum "Kaffeeklatsch" wurde erstellt von Nixe, 4. März 2003.

  1. Nixe

    Nixe Guest

    Also diese Disco gibt es hier immer noch und eigentlich ist auch
    alles immer noch so wie beschrieben :o) ...

    Liebe Grüsse von Nixe


    Der Musikladen in der Presse

    Echt hart, was?

    Jürgen Bischoff über Paarungsrituale in der Dorf-Disko von Heinbockel bei Düdenbüttel

    Nun, wie ist es, kommen Sie mit in die Disko heute Nacht? Ich kenne da eine, da geht´s tierisch los, sag´ ich Ihnen. Ganz toller Laden, schon seit 24 Jahren. Wo? In Heinbockel, kurz hinter Stade, in Düdenbüttel links ab.

    Klar ist Heinbockel ein Kuhdorf. Gerade mal 1000 Einwohner, wenn man die von Hagenah mitzählt. Aber wenn Thorsten Hinrichs und Vater Hans-Heinrich freitags den "Musikladen" machen - einsame Spitze, glauben Sie mir. Und Preise wie vor 20 Jahren: Bier zwei Mark fünfzig und KGB zwei Mark. KGB - Korn-Gelbe-Brause. Cola-Korn oder Cola-Carolus kosten dasselbe, wenn Sie KGB nicht mögen.

    Ob ich da jemanden kenne? Flüchtig. Aber ich stelle Ihnen die Leute schon vor; natürlich nicht alle mit richtigem Namen. Manche sind schließlich verheiratet, und Muttern muß freitags zu Hause bleiben, wenn Sie verstehen, was ich meine.

    Die Dorfstraße rechts rum, da ist es schon. Überm Eingang steht zwar "To´n Utspann", aber so heißt nur die Gastwirtschaft. Die macht heute Nacht übrigens die Mutter von Hans-Heinrich. Der gehörte ja auch die Disko, bis Hans-Heinrich sie übernahm und gleich an Thorsten weiter verpachtete,weil er selber noch mit dem Hof zu tun hat. Aber das interessiert Sie vermutlich gar nicht.

    Ich sage das nur, weil hier eben immer alles in der Familie bleibt. Na, dann wollen wir mal. Haben Sie vier Mark klein? Für den Eintritt, meine ich. Stimmt, teuer ist das nicht, aber bei 600 Leuten läppert sich das. Klar kommen hier 600. Mindestens. Da staunen Sie, was?

    Guten Abend Erich. Wieder an der Kasse, bißchen die Rente aufbessern? Erich, müssen Sie wissen, ist nämlich der Nachbar von diesem Anwesen. 66 Jahre und seit 20 Jahren Kassierer, wenn hier "Musikladen" ist. Früher war er Landwirt, und dann hat er den Schulbus gefahren. Der kennt hier die meisten Gäste schon aus der Zeit, als sie noch mit der Pausenstulle unterwegs waren.

    Jetzt fährt ja Gerhard den Schulbus, der Breitschultrige da, am Zigarettenautomaten neben dem Eingang. Der mit dem roten T-Shirt, wo draufsteht "Musikladen Heinbockel Team". Gerhard macht hier den Rausschmeißer. Meistens muß er aber keinen rausschmeißen, sondern sich nur von allen die Sorgen anhören, wenn sie nachher breit sind. Aber das werden Sie ja auch noch sehen.

    Hier links ist erstmal die Gaststube. Wie immer rappelvoll. Sitzen hier alle zum Vorglühen, damit sie nachher schneller auf Touren kommen. Früher saßen sie draußen in ihren Autos und haben sich die harten Sachen reingepfiffen, aber inzwischen kommen ja fast alle mit der Taxe.

    Wie spät haben wir? Halb elf? Was habe ich gesagt: Es füllt sich. Die drei Mädels da bei Erich - die mit den Schlaghosen und Bauch frei - sind Schülerinnen aus Oldendorf. Und die vier Jungs gleich dahinter, das ist die Clique aus Himmelpforten. Die werden wieder die ganze Nacht bei Hermann an der Bar stehen und sich tablettweise mit Cola-Korn begießen.

    Hier trinken sie nämlich meistens Tabletts, müssen Sie wissen: Zehn Gläser auf dem Tablett, 20 Mark. Und wenn die leer sind, ist das nächste schon fertig. Die können was ab hier.

    Also los, gehen wir in den Saal. Immer den Bässen hinterher. Der mit der gelben Krawatte da hinten, das ist Werner. Werner ist der DJ. Und Dennis, mit dem Pullover, ist der LightJ. Also der Lichtjockey. Pustet nachher bestimmt wieder literweise Kunstnebel auf die Tanzfläche.

    Werner war früher ja bei Granini. Stellvertretender Abfüllungsleiter. Zieht aber schon seit zehn Jahren als Discjockey über die Dörfer. Und ich sage Ihnen was: Der weiß, was die Leute hören wollen. Wolfgang Petry, Jürgen Drews, Nena, Lighthouse Family und die Charts rauf und runter - da bleibt hier kein Bein mehr stehen.

    Sehen Sie sich nur richtig um im Saal; später ist es hier so nebelig, da sehen Sie nämlich gar nichts mehr. Acht Tresen, alle mit Dach, und die Fässer da sind die Stehtische. Dann die verspiegelten Säulen mit indirekter Beleuchtung - hat doch echt Atmosphäre, was? Und die zwei Glitzerkugeln machen nachher lauter Punkte auf die Tänzer. Wie früher.

    Sieh mal an, Wolli und Björn sind früh dran heute! Sind aus dem Dorf, kommen aber nur alle zwei Wochen,kriegen sonst Ärger mit der Frau. Wollen in Ruhe einen schlabbern, sagt Wolli immer. Wolli hat übrigens früher die Fußballer trainiert. Kennt die ganzen Bagaluten hier, sagt er.

    Überhaupt kennt hier jeder jeden. Fast jedenfalls. Die beiden Damen da drüben kennen auch ziemlich viele, obwohl ihnen niemand Hallo sagt. Würde Ihnen auch raten, sich von denen fernzuhalten. Sonst wird der Abend zu teuer, meine ich. Andererseits sehen sie heute nicht aus, als wären sie im Dienst. Aber man kann ja nie wissen.

    Werner legt echt gut los. "Männer sind Schweine" - und Dennis orgelt mit dem Licht. Im NDR spielen sie "Die Ärzte" ja nie. Und wie die Mädels vom Schulzentrum Oldendorf wieder mitsingen! Als hätten sie´s gestern im Schulchor geübt.

    Da drüben, dieTruppe, das ist Alexander mit seinen Freunden. Alex trägt im Dorf die "Bild-Zeitung" aus. Hat noch was mit seiner Ex-Freundin, die kommt aber erst später. Der neben ihm ist Bommel, gerade wieder solo. Der Schmale mit den dunklen Haaren ist Stefan aus Hagenah, auch noch solo. Mit Betonung auf noch. Lernt auf Landwirt und schimpft über die Milchpreise. Und die Blonde in der Runde heißt Freia. Die anderen kenne ich nicht. Sie nennen sich ... da hören Sie´s: "Hurraaa, hurraaa! Wir sind die Koma-Kolonne, sind wieder daaa!"

    Da kommt sogar Werners Hip Hop nicht gegen an.

    Sehen Sie mal, auf der Tanzfläche: Auftritt Martin! Und alle um ihn rum. Vor allem die Mädchen. Überschlag, Handstand, Luftsprung. Und nun Kreiseln auf einer Hand. Martin ist nämlich Breakdancer bei den "Stader Rap Kings". Legt hier immer eine Sondernummer hin, solange noch Platz ist. Natürlich, so einer ist in festen Händen. Die mit den langen Haaren, die ihm jetzt Küßchen gibt, heißt Nadia und ist Martins Freundin. Da können die anderen nur neidisch gucken.

    Werner legt Nena auf. Jetzt geht´s ab, sehen Sie ja. Sturm auf die Tanzfläche! Umkippen kann da keiner, und wenn er noch so besoffen ist. Und wer trotzdem umfällt, kommt bis morgen nicht mehr hoch. "Die Zeit ist reif für ein bißchen Zärtlichkeit - irgendwie, irgendwo, irgendwann." Für die zwei da rechts ist Irgendwo wohl genau hier: Die Blonde im kleinen Schwarzen, die mit dem Langen tanzt - Dirty Dancing, da könnte sich Jennifer Grey mit ihrem Patrick Swayze noch was abgucken. Und die andere Blonde, die genauso aussieht wie die eine, nur im langen Schwarzen, wartet aufs nächste Lied. Dann ist nämlich sie dran beim Swayze-Double. Wollen wir ihn Reiner nennen? Sein Freund Ronald hat mir vorhin erzählt, daß Reiner verheiratet ist. Allerdings mit keiner von den beiden Blonden.

    "Boney M"! Na los, bewegen Sie sich auch mal! "Brown Girl in the Ring, lalalalala" (da tanzen doch tatsächlich zwei Jungs auf eng!), und alle singen mit. "Hab´ ich schon lauter gehört!" ruft Werner ins Mikro. BROWN GIRL IN THE RING, LALALALALALA ... Nun hört man´s endlich bis Buxtehude. Und drüben an der Bar splittern die ersten Gläser.

    Na, ist das Stimmung? "Nu is Paadie hier!" ruft Werner. Und alle rufen: "Jooooo!" Und dann spielt Werner nochmal die "Ärzte". Hallo Thomas, wieviel Tabletts habt ihr denn schon hinter euch? Fünf? Thomas, müssen Sie nämlich wissen, lernt Maurer, und Thorsten, der neben ihm, wird Koch. Manchmal macht Thomas hier den Rausschmeißer, und wenn nicht, dann kommt er mit Thorsten und ein paar anderen Freunden zum Saufen. Jeden Freitag. "Saufen bis der Arzt kommt", sagt er immer, "wir sind hier aufm Land." Unter 20 Tabletts gehen die Jungs nicht ins Bett.

    Nur Thorstens Freundin, die trinkt nichts. Die muß ja morgen wieder früh raus. Außerdem muß sie Thorsten nachher stützen.

    Grönemeyer! Der fehlte gerade noch, aber Werner kennt eben keine Gnade. "Männer sind so verletzlich, Männer stehn ständig unter Strom ..." Sieh´ mal einer an, Stefan aus Hagenah ist auch nicht mehr solo. Vorhin stand er noch rum, als hätte er sich gerade die Stillegungsprämie abgeholt, und nun zieht er mit einer Brünetten ab.

    Und Dennis hat endlich die Nebelmaschine entdeckt! Eine Luft wie London im Smog. Und mittenrein läßt er noch Neonblitze zischen und das Schwarzlicht zittern und Lichtfinger schweifen wie im Science-Fiction-Film. Und Werner haut dazwischen mit AC/DC. "Thunderstruck". Echt hart, was?

    Jetzt hotten sie, daß die Bude wackelt. Sehen Sie den Langhaarigen da, in der Mitte der Tanzfläche, der dauernd seine Mähne schüttelt? Der läßt einen Joint kreisen. Wahrscheinlich Oberschüler aus Stade. Die nehmen sowas ja lieber als KGB oder Carolus.

    Drei Uhr. Gehen wir mal raus, bißchen Frischluft schnappen. Aber Vorsicht, neben der Tür sitzt Otto und reihert. Und Pauli versucht mal wieder, seinen Kumpel auf die Beine zu stellen. Wie jeden Freitag um diese Zeit. Wenn der nämlich zu viele KGB hat, und dann die frische Luft - peng! haut´s ihn weg. Leider haben die Taxis hier noch keinen Greifarm,um Paulis Kumpel aufzusammeln.

    Nun starren Sie nicht immer um die Ecke! Klar stehen da die Kids und knutschen, deswegen kommen die doch her.

    Vor den Typen da hinten an der Bar, wo die Zimmerlinde aus Plastik wächst, brauchen Sie übrigens keine Angst zu haben. Das sind nur die von den Motorradclubs: die "Voices of Liberty" vom MSC Isensee, die "Reveler´s" aus Burweg, die "Riders of Spirit" vom MC Schwarzenmoor. Kommen nur zum Trinken her und sind ganz friedlich. Hier gibt´s nie Ärger.

    Schon 4 Uhr? Deshalb nimmt Werner jetzt Dampf raus. Spielt schon zum vierten Mal "High" von der "Lighthouse Family". Den Text können hier auch alle. Und der Lange schlängelt immer noch mit den beiden Blonden rum, immer abwechselnd. Und Ronald hat glasige Augen. Was sagst du? "Nach dem dritten Glas sind die Weiber doch echt spitzer wie wir." Klaro, Ronald, wie du auf jeden Fall.

    "Stand by me" - Kußtanz ist angesagt. Ein paar von den Jüngeren üben noch, aber dafür ist die Disko schließlich da. Und Werner kann endlich den Abtanz ausrufen: "Tschüßikowski, bis es wieder heißt: Musikladen in Heinbockel!" Und spielt dazu "New York, New York" von Frankieboy. Halb fünf.

    Nun, zufrieden? Wie wär´s noch mit einem Absacker am Tresen? Ein Taxi können Sie jetzt nicht rufen. Das Telefonist von den Kids belagert, die ihre Eltern aus den Federn klingeln. Damit die sie abholen.

    Na, Dörte, auch noch da? Nein, sei mir nicht böse, aber ich komme jetzt wirklich nicht mehr mit zu dir. Vielleicht nächsten Freitag. Versprochen.