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Der alte Baum....

Dieses Thema im Forum "Kaffeeklatsch" wurde erstellt von Sabinerin, 30. Juli 2003.

  1. Sabinerin

    Sabinerin Aktives Mitglied

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    Wie der alte Baum eine ganz neue Welt entdeckte...

    Es war einmal ein sehr schöner, stattlicher, alter Baum. Er war ein stolzer Baum. Er war sich seiner Schönheiten bewusst.

    Im Frühling war er voll Saft. Seine Äste reckten und streckten sich der Sonne entgegen und hüllten sich in ein frisches grünes Blätterkleid. Kein Baum hatte ein schöneres Blätterkleid.

    Im Sommer war sein Laubwerk so dicht, dass Vögel sich darin einnisten konnten, ohne von den Katzen der Umgebung je entdeckt zu werden. Kein anderer Baum konnte das bieten.

    Im Herbst war er ein richtiger Farbenkünstler. Kein anderer Baum weit und breit strahlte in so vielen Farben in der milden Herbstsonne, wie er.

    Im Winter aber, wenn Schnee auf seinen Gezweige lag, da konnte man ganz deutlich seinen wunderbaren Wuchs bewundern. Ja, es war kein Wunder, dass dieser Baum auch ein stolzer Baum war.

    Aber auch stolze Bäume werden älter. Und ganz unbemerkt nagte der Zahn der Zeit auch an diesem stolzen Baum. Er sah zwar noch stattlich aus, aber seine Kraft war nicht mehr die gleiche. So geschah es, bei einem dieser kräftigen Herbststürme, dass unser stolzer Baum den kräftigen Stössen des Windes nicht mehr standhalten konnte und er brach entzwei.

    Da lag er nun. Dabei hatte er noch soviel Energie in seinem Stamm. Die spürte er ganz deutlich. Aber er konnte sie nicht nach oben abgeben, seine Äste waren nicht mehr da.

    „Was soll ich nun? Was wird aus mir? Wer will noch meine Energie?“ fragte er verzweifelt.

    Das hörte eine kleine Maus. „Was jammerst du denn so? Tu doch einfach das, was du jeden Winter getan hast. Lass deine Energie zurückfliessen zu deinen Wurzeln. Deine Wurzeln sind jetzt deine Äste. Und so nebenbei bemerkt – da wo die Wurzeln aufhören, da ist noch lange nicht das Ende. Geh und schau dich doch da unten um. Da ist noch soviel Leben.“

    Der Baum wollte gar nicht auf die Maus hören. Aber sein Kummer war schon sehr gross und mit dem Kummer kam auch so etwas wie Demut in sein Baumleben.

    „Ok, was bleibt mir denn schon anderes übrig. Nach oben kann ich nicht mehr, also gehe ich nach unten.“

    Gesagt, getan. Er nahm Abschied von seiner Ausrichtung nach der Welt oben und ging zu seinen Wurzeln und da bis ganz ans Ende der kleinsten Verästelungen.

    „Hallo,“ sagten die Wurzeln. „Schön das du da bist. Du warst immer gut zu uns. Hast uns jedes Jahr von neuem mit deiner Energie gespeist. So konnten wir auch gut unseren Teil zurückgeben. Wir haben gehört, dass du unseren Teil nun nicht mehr brauchen kannst, weil du keine Äste mehr hast. Schade. Aber schau her, wir haben ein Geschenk für dich. Du darfst unsere Energie nehmen und geh hinaus und lerne unser Umfeld kennen. Das Umfeld beginnt dort, wo unsere Wurzeln aufhören.“

    Der Baum staunte zwar, aber er sagte sich: “Was habe ich schon zu verlieren? Alles was mir wichtig war, hat mir der Sturm genommen. So nehme ich denn von dem was mir die Wurzeln geben.“

    Also wanderte er aus. Er verliess durch einen schmalen Gang bei einem seiner Wurzeln die Baumwelt und war ehe er sich’s versah, mitten in der Erdenwelt tief unter der Erde.

    Uff, das war finster und so nasskalt. Es war ihm gar nicht wohl. Schon dachte er, die Wurzeln haben ihn hinein gelegt. Sie wollten ihn nur loswerden. „Ach,“ seufzte er, „was habe ich doch für ein Elend. Zuerst nahm der Sturm mir alles was mir gut und wichtig war und nun haben mich auch noch meine Wurzeln verraten und ausgestossen.“ Er setzte sich hin und weinte bitterlich.

    Und wie er so weinte und sich gar heftig in sein Elend hineingrämte, veränderte die Welt sich um ihn her. Aber er bemerkte es gar nicht. Er bemerkte zunächst auch gar nicht, das ihn ein heller Stern berührte und sich besorgt über ihn beugte.

    „Was ist den los mit dir? Kann ich irgendwas für dich tun?“ Erst als ihn der Stern ein drittes mal stubste, reagierte der Baum.

    „He, was ist den das?“ fragte der Baum. „Ich sehe Sterne und es ist gar nicht so finster wie zuvor. Sterne, was tut ihr da?“

    „Was tun wir da? Schau doch und sieh. Wir leuchten. Wir sorgen dafür, dass hier unten niemand sich verirrt und jeder seinen Weg finden kann. Siehst du unser Licht?“

    Ja doch. Jetzt sah der Baum das Licht. Dann sah er auch den Weg. Und am Ende des Weges sah er ein noch helleres Licht. „Dort will ich hin“, sagte er und zu den Sternen winkte er „Danke für euer Scheinen. Es scheint so, dass mir langsam ein Licht aufgeht.“

    Als der Baum bei dem noch helleren Lichtschimmer angelangt war, sah er, das es der Mond war.

    „Mond, was tust du hier, tief drinnen in der Erde?“ „Dummkopf,“ sagte der Mond. „Was tue ich wohl hier? Ich teile mit der Sonne die Welt hier unten in Tag und Nacht. Das ist mein Job.“ Und als er dies gerade ausgesprochen hatte, versank er hinter einer Erdkuppe und von der anderen Seite kam gelbrot und mit kräftigen Strahlen die Sonne herauf.

    Dem Baum blieb der Mund offen vor lauter Staunen.

    „Sonne, was tust du denn hier unten?“ „Ach Baum,“ lachte die Sonne. „Was ich hier tue? Ich wärme die Erde und gib der Welt hier unten die nötige Energie, damit sie sich ihres Lebens freuen können.“

    Und wirklich. Während die Sonne noch lachend sprach, spürte der Baum, wie es warm und lebendig um ihn herum wurde. Da sah er Gras und Blumen, da sah er muntere aufgeweckte Würmlein auf den Weg zu ihrer Arbeit, in der Ferne sah er auch die Maus, die ihn die Empfehlung für hier unten gegeben hatte. Er war einfach sprachlos. „So eine Welt hier unten. Und ich habe nichts davon gewusst.“

    Und während er so staunte und ein Stück weiter ging, sah er ein frisches klares Bächlein.

    „Bächlein, was tust du den hier und wohin fliesst denn du?“ „Ich? Meinst du mich?“ „Ja.“ „Ich fliesse immer zu und nirgendwohin. Ich bin immer da. Jeder darf von mir trinken und sich erfrischen. Ich bin das Leben. Und wer von mir trinkt, der wird das Leben haben. Ich sorge dafür, dass hier alle gut versorgt sind und ihren Weg weiter gehen können.“

    Da spürte der Baum seinen Durst und seine Lust nach dem Wasser. „Darf ich auch von dir trinken?“ „Natürlich, nur zu, nimm soviel du brauchst.“

    Der Baum beugte sich vor und trank. Es war ihm, als hätte er noch nie etwas köstlicheres getrunken. Es wurde ihm so warm in der Seele und er hatte das Gefühl von unendlicher Geborgenheit. Während er so trank, erinnerte er sich an sein früheres Leben. Er dachte an seine wunderbaren Äste, an seine Schönheit zu jeder Jahrezeit. Es war ein schönes Gefühl an all das Vergangene zu denken. Aber viel viel mehr erfüllte ihm das Hier und Jetzt. Er war angekommen und er war glücklich.

    Was der Baum nicht bemerkt hat, bleibt unser Geheimnis.

    Ich verrate es euch.

    Als er voller Liebe an seine wunderbaren Äste dachte, da regte es sich in seinem alten Baumstumpf oben in der Welt und es schossen neugierig und kräftig drei neue grüne Zweige hinaus. Und so entsprang aus dem altem Baumstumpf neues Leben in er alten Welt. Während tief drinnen in der Erden ein altes Leben seine tiefe Erfüllung fand.


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    gefunden in http://www.leben-wie-zuvor.ch
     
  2. Robert

    Robert R-O-süchtiger Freßbär ...

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    Hallo Sabinerin,

    einfach nur schön, die Geschichte, vielen Dank dafür!

    Alles Liebe und Gute

    Robert
     
  3. lilli

    lilli kleine Berliner Hexe

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    Danke,

    eine Wunderschöne Geschichte!

    Wo kriegst du sowas nur immer her.

    LG

    Lilli
     
  4. merre

    merre Aktives Mitglied

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    schöne Geschichte

    Ja, in unserer alten straße (alte Wohnung um die Ecke) standen große Bäume. Sie haben aber mit ihren Wurzeln alles kaputtgemacht, Gehwegen und Kanalisation und da hat man sie gefällt, die Stümpfe ausgeschreddert alles neu begrünt und neue Bäume gepflanzt. Aber siehe da, überall wo die Wurzeln der alten Bäume langgingen und liegenblieben kommen kräftige Sprößlinge hoch und werden kleine Büsche. Ja die Natur hat oft enorme Kräfte....."merre"
     
  5. Monsti

    Monsti das Monster

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    Hi Sabi,

    danke für diese wunderschöne Geschichte! Ich hab sie mir ausgedruckt.

    Bussal von Monsti